Thema: Denkfaulheit

Dienstag, 27.11.2007. Ich bin heute später aufgewacht und aus dem Rhythmus. Der Interaktionismus von oben und unten steht in Frage. Deshalb will ich an den gestrigen Text anknüpfen und aus meiner Erstlingsschrift zitieren, die sich bereits gründlich mit dem Buddhismus, der Vorlage Schopenhauers, auseinandergesetzt hat. Die buddhistische Lehre kennt für unsere Erscheinungswelt, überhaupt für unseren ganzen Kosmos, keinen Anfang und kein Ende. Unsere Erde wird zwar eines Tages vergehen, aber neue Erden werden wieder entstehen; seit Ewigkeiten bestehen alle diese Zustände. Es ist ein immerwährendes Beginnen und Enden, ein ständiges Sichentwickeln. Alles, was wir wahrnehmen, ist vergänglich; nichts von allem Wahrgenommenen ist unveränderlich, beständig oder gar ewig. Alles ist nach buddhistischer Ansicht nur eine Reflexion unserer Sinnesorgane. So ist auch unser eigenes Daseinsgefühl im Raum nur das Ergebnis einer Reflexion unserer Empfindungen in Bezug auf uns selbst. Auch wir selber, unser Körper und alles Geistige in uns, erleben ein ständiges Verändern, Werden und Vergehen, von einem Energieimpuls getrieben; ein Geborenwerden, ein Erkennen der Welt und Reifen, ein Haften an der Welt und Sterben. Wenn diese Welt einmal untergehen wird, und sie wird einmal ein Ende finden, gehen die Entstehungen und Untergänge auf anderen Sternen weiter. Dieser ganze Kosmos ist wertneutral, das heißt, er ist weder gut noch schlecht, er läuft ohne göttliches Eingreifen nach unveränderlichem Naturgesetz zeitlos von Ewigkeiten zu Ewigkeiten. Die Seligkeit des Buddhisten besteht darin, aus diesem Kreislauf des ewigen “Stirb und Werde” herauszutreten. Dazu kann ihm niemand helfen; er hat auf keine göttliche sündenverzeihende Gnade zu rechnen. Jedes Lebewesen muß seinen Pfad allein und aus eigener Kraft gehen. Den Weg, diesen Kreislauf aller Dinge zu verlassen, hat der Buddha in seiner Erkenntnis der vier edlen Wahrheiten gewiesen: Erstens der Wahrheit vom Leiden, zweitens der Wahrheit vom Ursprung des Leidens, drittens der Wahrheit vom Ende des Leidens, und viertens der Wahrheit vom zum Ende des Leidens führenden Edlen Achtfachen Pfad. Mit unserem All bestehen nach buddhistischer Lehre auch die Lebewesen- wozu auch der Mensch gehört- seit urdenklichen Zeiten und werden in  immer neuen Gestaltungen immer wieder geboren werden. Die Wiederverkörperung; die einem Lebewesen bevorsteht, hängt von der sittlichen Qualität ab, die das betreffende Wesen in seinem letzten Leben erreicht hat. Geburt und Tod sind nur Übergänge. Die jeweilige Erscheinungsform ist damit immer nur ein Spiegelbild der früheren Taten, Worte oder Gedanken. Dieses Ergebnis, zum Beispiel einer Tat, die im selben Augenblick den Wesenskern nach der guten oder schlechten Seite hin formt, ist in groben Zügen ausgedrückt das Karma, das “wirkende Werk”. Es ist das selbstgewebte Schicksal, das kein Gott und keine sonstige Macht von sich aus, sei es aus Gnade oder Willkür, zum Besseren oder Schlechteren hin ändern kann. Alle Sektionen und Regionen des Daseins sind befristet, alle der Wiedergeburt unterworfen, auch die allerhöchste Stufe ist noch nicht ewig. Jenseits dieser Welten ist das Nicht-Sein. Es ist etwas völlig anderes, kein Werden und kein Zustand, es ist Nirvana. Alle Wesen, die in diesen verschiedenen Regionen in Erscheinung treten, kommen dorthin ausschließlich aufgrund ihres Karmas, ihrer Werke in Gedanken, Worten und Taten, die entweder gleich oder erst später zur Reife gelangen. Der Mensch steht an entscheidender Stelle im Kosmos, von wo aus die Erlösung, das Erlöschen aus eigener Kraft, möglich ist. Der Mensch ist ein kosmisches Kraftfeld nicht abschätzbarer Dimension in einem gleichartigen All. Er hat die Aufgabe, seine Kraft in mitleidende Liebe umzuwandeln. Sie ist für den buddhistischen Mönch wertfrei, nie zweipolig, ohne Lohnerwartung, nie emotional. In ihrem Kraftfeld befinden sich alle Lebewesen. Ihre Wirkungen überschneiden sich, alle können von dieser Liebe durchstrahlt werden. Auf das also läuft Schopenhauers Lebenswerk hinaus. Was hier Energieimpuls und Kraftfeld, ist bei ihm der Welt blinder Gesamtwille, Kants “Ding an sich” unter dem Vernunftsschleier der Maya. Was hier Nirvana, ist bei ihm das relative Nichts, das “me on” der Griechen. Dorthin führe ein Subjektsein ohne Ziel und Absicht. Die Reinkarnationslehre, die der exponentiellen Zunahme des Menschengeschlechts ex nihilo widerspricht, findet sich bei ihm nicht. Dafür hat Wagner sie im “Parzifal” in Gestalt der Kundry aufgegriffen. Die kosmologische Prämisse Buddhas wie Schopenhauers krankt am kosmologischen Monismus. Die Welt ist zwischen Urknall und Gravitationskollaps als ganzes kontingent, es gibt eine transzendente ewige Ausflucht im Außen von Raum und Zeit. Ansonsten haben beide recht, alles diesseitige Leben ist Leiden. Nur ist Selbsterlösung ein Holzweg,  wie das Münchhausen-Problem des Reiters im Sumpfloch zeigt. Eine kontingente Welt kann ihren Grund nicht in sich selbst haben Der vorstehende Seitenblick gibt keinen Anlaß umzudenken. Atheismus ist immer Denkfaulheit, wie ehrwürdig er auch sein mag. Die vier edlen Wahrheiten Buddhas sieht mündiges Christsein etwas anders. Unstrittig ist der Jammertalcharakter des Diesseits, aber schon der Ursprung des Leidens wird mit der erbsündhaften conditio humana aus evolutionärer Genese, einer transmetaphysisch-systemischen Ausgeburt des Nichts, weder gottgewollt, noch menschlich vollkommen freien Willens selbstverschuldet, unterschiedlich gesehen. Die Zuflucht des leidenden Menschen findet der Westen nicht im Nirvana, dem Nicht-Sein jenseits der Erscheinungswelt, sondern in der ewigen Transzendenz im Außen von Raum und Zeit des kontingenten Kosmos. Und der Weg dahin führt für ihn nicht auf dem Edlen Achtfachen Pfad der Selbsterlösung, da eine kontingente Welt ihren Grund nicht in sich selbst haben, der Reiter im Sumpfloch sich nicht am eigenen Zopf emporhieven kann, sondern im Weg des vertrauenden Hoffens auf die erlösende Gnade Gottes, der allein zuständig war und ist und sein wird. Im Jammertal der diesseitigen Hölle des Absurden ist allerdings die Ethik des Edlen Achtfachen Pfades eines Subjektseins ohne Ziel und Absicht tatsächlich die zweitbeste Lösung. Noch besser ist nur der tätige Glaube einer Mutter Teresa in der Hölle auf Erden gleich nebenan. Die Buddhisten handeln also richtig, wenn sie auch falsch denken.