Thema: Systemvergleich

Dienstag, 13.11.2007. Ich bin via Frossard nur Lehramtskatholik, nicht Kirchenkatholik geworden. Deshalb ist mein Streben danach, ein “zweiter Christus” zu sein und durch das Meiden selbst läßlicher Sünden “christliche Vollkommenheit” zu erreichen, schwach ausgeprägt. Die Abschnitte “Gott” und “Christus” des katholischen Religionslehrbuchs sind Wahrheit, der Abschnitt “Kirche” ist Prawda der Ideologie einer metaphysischen Kaderpartei. Darum habe ich mich auf meine fünf lutherischen Jahrzehnte zurückbesonnen, wo das “tapfer Sündigen” im Vertrauen auf Gottes Gnade durch Glauben an die alleinseligmachende Schrift, wie sie von der Kanzel verkündet wird, gang und gäbe war. So habe ich gestern Abend die Tochter angerufen und erklärt, inzwischen einverstanden zu sein, wenn die Enkel lutherisch eingefädelt werden. Die Jenseitskonfession Katholizismus ist etwas für ältere Semester, wenn die Schatten länger werden und man das Kleingedruckte beider Lager gelesen und verdaut hat. Die Angerufene war überrascht und erfreut. Was Sünde ist, sagt mir die innere Stimme, nicht die Kirche. Heute schwieg sie jedenfalls in der Morgendepression nach dem Erwachen, woraus ich schließe, daß die Suspendierung meines familiären Laienapostolats nicht schwer sündhaft ist. Das Inanspruchnehmen des Bußsakraments mit anschließender Eucharistie ist nämlich als “Mitopfer” des Laien ebenfalls eines der Werke, auf die es Luther zufolge nicht ankommt. Diese seine Rechtfertigungslehre hat vor noch nicht allzu langer Zeit ökumenische Geltung erlangt. Sie thematisiert einen biblischen Dissens zwischen Paulus und Jakobus, der nun überkonfessionell für Paulus entschieden wurde. Damit ist, in Verbindung mit der frossardschen Abschaffung der Höllenewigkeit, der vorgeblichen Heilsbedeutsamkeit amtskirchlichen Tuns der Boden entzogen. So bin ich im Grunde eine Einmannsekte zwischen den Konfessionen. Für Diesseitszwecke genügt mir allerdings der neognostische Existentialismus, da braucht es keine Verkündigung der Schrift vom Mann im schwarzen Nachthemd mehr.  Diesbezüglich bin ich längst Selbstversorger. Das “Agnus-Dei”- Mißverständnis, das Gott als Juristen, statt als Schöpfer ex nihilo mit systemischen Grenzen sieht, ist bei den Katholiken ausgeprägter, weil da von Meßopfer durch den Priester und Mitopfer durch den Laien die Rede ist. Das fußt auf dem spätantiken Kenntnisstand des Völkerapostels, der Genesis 3 aus eisenzeitlicher Quelle noch für bare Münze nehmen mußte. So wurde die den Moiren geschuldete conditio humana aus Tod, Blut, Schweiß und Tränen vom Jahwisten menschlichem Selbstverschulden zugeschrieben, um angesichts der allgegenwärtigen Dysteleologien den Schöpfer zu entlasten. Im Licht der Urknall- und Evolutionstheorie ist es aber keine Schöpfung des Treffers ins Schwarze wie in Genesis 1-3, sondern eine Schöpfung mit der Schrotflinte, bei der die Moiren ex nihilo, das Nihil, der Zufall, und die Notwendigkeit, machtvoll mitgewirkt haben und noch mitwirken, weil einem Demiurgen ex nihilo eben systemische Grenzen gesetzt sind. Die Genese der Erbsünde ist somit transmetaphysisch. Damit entpuppt sich Genesis 3 als reiner Mythos und es muß das Mysterium Christi uminterpretiert werden. Mit Lamm Gottes, das da trägt die Sünd’der Welt als Loskaufopfer für einen Juristengott ist dann Schluß. Ich neige dazu, Golgatha als Heldentod des menschgewordenen Gottessohnes an vorderster Front im siegreichen Kampf gegen die transmetaphysische conditio humana zu verstehen, in dem der Ertrag ein koscheres Danach nach unvermeidlich leidvollem Hier und Jetzt ist. Ob man Unsterblichkeit der Seele mit besonderem Totengericht nach Hebräer 9,7 oder universelle Auferstehung zum Weltgericht zugrundelegt, spielt keine Rolle, weil subjektiv das absolute Nichts des Ganztods nicht erfahrbar ist und de facto auf den letzten Atemzug und die Totenruhe die Auferstehung folgt. In beiden Fällen ist das Danach die Pointe des Seins. Bei den Katholiken gibt es ein alsbaldiges Danach durch Fortleben des Unzerstörbaren, des “nackten Samenkorns” nach 1.Korinther 15, bei den Protestanten ein verzögertes nach Totenruhe und einstweiligem Überdauern im Gedächtnis Gottes. Deshalb kann Kierkegaards Grabspruch auch lauten “noch eine kleine Zeit, dann ist’s gewonnen. Dann ist der ganze Streit in Nichts zerronnen. In Rosensälen darf ich ohn‘ Unterbrechen in aller Ewigkeit mit Jesus sprechen”. Katholisch ist das Danach unmittelbar hinter der Schwelle des Seins, protestantisch “nach einer kleinen Zeit”, das ist der ganze Unterschied. Wegen des empirischen  Gehirn-Geist-Dualismus von Popper und Eccles und wegen der interkulturellen Sterbebettstudie von Osis und Haraldsson habe ich mich für die katholische Lösung entschieden, wo das “nackte Samenkorn” unter Transzendenzbedingungen von Gott mit einem überirdischen Leib nach seinem Ermessen ausgestattet wird. Das nimmt dem Monismus der Protestanten den Wind aus den Segeln, die einwenden, ein Danach ohne geistleibseelische Ganzheit sei ein heidnisches Schattenjenseits. Da ich nur glaube, was ich einsehe und das “Agnus-Dei” - Mißverständnis an den Nagel gehängt habe, ersetze ich auf Frossards Schultern die Höllenewigkeit durch ein langfristiges Fegefeuer in einer Sphäre sühnenden Lernens nach 1.Petrus 3,19 und 4,6, aus dem im “descendit ad infernos” des Credos eine Erlösung zweiter Klasse und eine Entscheidung für Gott auch noch unter Transzendenzbedingungen möglich ist. Nachdem die Lutherbibel die Petrusbriefe als apokryph unterschlägt, müssen die Protestanten eben weiterhin mit ihrem “Ewigkeit, du Donnerwort” leben, wenn sie es nicht vorziehen, gleich ganztot zu bleiben und auf die Auferstehung zu verzichten. Der Systemvergleich spricht also für Konversion in späten Jahren.