Thema: Die Peergroup

Dienstag, 29.5.2007. Zur Feier des Tages war gestern der Sohn in der Kirche und habe ich mich ohne ganzleibliche Pointe rasiert und geduscht. Der Kärrner Leib sah im Spiegel, mit den Augen des sympathetischen Verstandes betrachtet den daseinsinkompetenten Umständen entsprechend, nicht so abstoßend aus, wie ihn die zynische Vernunft zu sehen pflegt. Vor allem die Physiognomie wirkte so wie von einem, der für sein Gesicht verantwortlich sein kann. Camus sagte nämlich, ab einem gewissen Alter sei jeder für sein Gesicht verantwortlich. Für den gestrigen Anblick übernehme ich die Verantwortung. Es war kein Ohrfeigengesicht der Selbsthaßfeindesliebe in Jesuslatschen, wie vom Traum mir attestiert, aber doch von altersgemäßer geistlicher Besonnenheit mit ernstem, dunklen Augenausdruck, langen Nasenflügelfalten und herabgezogenen Mundwinkeln. Ein Opa, der den Enkeln im wißbegierigen Alter was zu sagen hat. So etwa könnte ich mir meine jenseitig entkernte  Fassade holographischer taktiler Gestalthaftigkeit posthum vorstellen. Meine “besten Jahre” sind jetzt, frühere Fotos zeigen erst einen Heranreifenden. Ich war nach dem Urteil meiner Frau ein schöner Mann, aber heute bin ich ein Charakterkopf. Die biographische Quintessenz wird von der Physiognomie widergespiegelt, und sie ist erkennbar nicht schimpflich. Ich habe mein Gesicht trotz intensiver feindlicher Bemühungen nie verloren. Das sieht man ihm heute an. Trau´ keinem unter siebenundsechzig. Der kleine Junge, der an der Bildergitarre im Naziparadies vor dem Fall mit der Holzeisenbahn spielt, der bin ich durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch immer noch. “Lieber Gott, mach‘ mich fromm, daß ich in den Himmel komm‘ ” betete ich damals. Daran hat sich nichts geändert. Ich stehe zu ihm und er steht zu mir. Auch heute noch bin ich kindisch. Ich bete. Bis hierher ist es Vortagsanteil, trotz Selbsthaßimpuls der zynischen Vernunft nicht papierkorbisiert. Inzwischen lasse ich den nikotingestützten sympathetischen Gedankengang in der ersten Hälfte des Morgenfensters ungeschrieben verstreichen und sehe dem Regen beim Regnen zu. Das halbleere Blatt muß dann noch eine Stunde reichen, sonst komme ich aus dem Rhythmus. Der sieht vor, daß die naturbelassene Emergenz der allmählichen Anfertigung der Gedanken beim Schreiben in den ersten zwei Stunden nach der Selbsthaßphase aufgefangen wird. Unlängst hatte ich das Lithium weggelassen und war wegen einer daraus folgenden Schreibhemmung in Panik. Bei mir darf nichts dazwischenkommen, ein bißchen tröpfeln wie heute draußen im Garten muß es immer. Seit dem Wegfall des Sachzwanges Schreibmaschine regnet es auch außerhalb des Morgenfensters Buchstaben, am siebten Mai sogar fünf Blatt. Das gestrige zweite Blatt hatte ich dem Sohn zugefaxt, um ihn von seiner Schicksalsgläubigerhaltung abzubringen und an meiner religiösen Hakenkreuzbewältigung im Wege glimpflichen stellvertretenden Sühneleidens zu beteiligen, allerdings ohne Erfolg. Den Schuh Herkunftsfaschimus bis ins dritte und vierte Glied zieht er sich nicht an. Mein Generationenvertrag dagegen reicht bis zum Großvater mütterlicherseits. Meine Altvordern vor 1933 mit ihrem anmaßenden Familiensiegel können mir gestohlen bleiben. Sollte ich wie Abraham in Frieden heimkehren dürfen zu meinen Vätern, sind sie nicht gemeint, nur mein leiblicher Vater und sein Schwiegervater, beide schwarzbraun wie die Haselnuß. Daher meine Höllenreform für Krethi und Plethi mit dem Durchschnittskerbholz im Tornister. Ich muß annehmen, daß beide, da auch jeweils noch areligiös, bisher drüben die Ewigkeitsreife nicht erlangt haben und daß ich mich nach Genesis 15,15 zu ihnen gesellen muß, also zu einer Insel der Glimpflichkeit auf dem Therapiekontinent in der Grauzone zwischen Himmel und Erde, von der die Nahtoderfahrungen künden. Nachdem ich mich auch von Haus aus nicht auf Anhieb heilswürdig fühle, wird in diesen Blättern meine ureigenste eschatologische Sache verhandelt. Raus aus der Diesseitsgeisterbahn der Gottferne, rein in die Jenseitsgeisterbahn der Gottferne, heißt das. Da die von meiner Physiognomie widergespiegelte biographische Quintessenz gestern als erkennbar nicht schimpflich erschien, darf ich auf einen nicht allzu ausgedehnten Aufenthalt auf einer Insel der Glimpflichkeit hoffen, bis mir die Erlösung zweiter Klasse nach Frossard zuteil wird. Genesis 15,15 ist für die Männer im Mutterland, also die männlichen Kriegshalbwaisen allmählich altersbedingt eine nicht mehr abstrakte Perspektive. Ich glaube es gibt hierzulande etwa vier Millionen meinesgleichen. Meine Erwägungen sind also nicht so eigenweltlich wie vermeint. Das Problem Genesis 15,15 ist ein Massenphänomen. In Frieden heimkehren  zu einem Teufelsbraten will keiner. Darum gilt es, Frossard auf breiter Front ernstzunehmen. Den Maden im Speck des Zeitgeistes wünsche ich weiterhin guten Appetit, aber meiner Peergroup ist mehr zu gönnen als Seniorenglück und Mehrvondemselben bis man tot umfällt. Was immer du tust, bedenke das Ende. Das Ende ist Frossards “andere Welt” und dafür muß man würdig werden, hüben oder spätestens drüben. Ich möchte jedenfalls nicht blind, sondern vororientiert auf die Reise gehen. Mein Puzzle aus frossardgestützten Denknotwendigkeiten ist dafür ein Anhaltspunkt. Heute war es eine Selbstbeschreibung, eine Arbeitsplatzbeschreibung und eine Problembeschreibung.