Thema: Die Ferne innen

Montag, 17.9.2001. Das Nichts: daher kommt alle und dahin geht alle Immanenz. Und nur insoweit wir transzendenzunmittelbar gesetzt sind, müssen wir nicht mit, sondern dürfen auf Gottes österliches Handeln, auf einen Frieden über jeden Tod hinaus, auf eine unzerstörbare Teilhabe an einem unendlichen, wohlgeordneten Ganzen hoffen. Nichts-Bewältigung ist daher nur ein anderes Wort für Glaube. Aber wie wenig von dem, was wir tun, rechtfertigt Gottes österliches Handeln. Wir gleichen dem Bettel- knaben am Weihnachtstisch feiner Leute. schon die aufgetragene Bier- suppe scheint uns so köstlich, daß wir uns damit sattessen und für die Kostbarkeiten keinen Raum mehr haben. Deshalb sterben wir kotzübel. Brecht beispielsweise hielt die Biersuppe für das Hauptgericht und mahnte in berühmter Gedichtform, ordentlich zuzulangen. Ein leichter Kontingenz- brechreiz, gepaart mit soif`d´absolu, kann da sehr hilfreich sein. Wer weiß, was Weihnachten ist; weiß auch, daß noch etwas kommt. Selbst der höchstbegabte Atheist kann nicht umhin, einmal den Löffel aus der Hand zu legen. Sein Gegenspieler dürfte dann nur nicht ganz so baff sein wie er, wenn jetzt erst das eigentliche Fest beginnt. Und der, für den das Bisherige ultimatives Leid war, wird getröstet werden, so ist das mit Weihnachten. Darum käme es darauf an, mit Appetit zu sterben. Ich hoffe sehnlich, daß man mir das wird nachrufen können, was mit Suizidalität nicht das mindeste zu tun hat, die einem Erbrechen an der Festtafel gleichkäme. - Hätte der sich selbst widerlegende Materialismus recht, so wäre unsere Herkunft und Zukunft tatsächlich das Nichts, und von Weihnachten und Ostern könnte keine Rede sein. Nur ließ er sich unter den philosophischen und neuro- physiologischen Attacken von Popper und Eccles definitiv falsifizieren, und damit ist der Leib-Seele-Dualismus, ohne oder mit Eschatologie, Stand der Kunst. Auf diesem Hintergrund erweist sich die Einzigartigkeit des Selbst als transzendenzunmittelbar gesetzt und die obige Weihnachtstisch-Metapher als immerhin nobelpreislich beglaubigt. Ich möchte dem Hier und Jetzt sein Genügen nicht absprechen, aber dem Dort und Dann traue ich mehr zu als das bißchen Sonntag und Führerschein. Übrigens auch mehr als mehr von Demselben bis hin zum höchsten Glück der Erden- kinder. Die Jagd nach Glück ist nicht meine Sportart, ich stehe lieber spazieren wie mein lungenkranker Großvater väterlicherseits, und sitze die Stunden aus, bis die Zeit der Horizontale wiedergekommen ist. Mein Fern- weh richtet sich nach innen: Weit sind die Wege, weit ist die Fahrt. Mühsal und Kampf sind uns nimmer erspart. Lockende Ferne ruft immerzu. End´ aller Fahrten, Herr, bist Du.