Thema: Welt ist von Erz

Donnerstag, 24.1.2008. In der Jugendzeit dachte ich “das Leben ist die Hölle, denn Gott ist tot.” Heute denke ich “das Leben ist die Hölle, aber Gott ist. Daraus folgt, daß es ein Danach geben muß, in dem das Sein nicht mehr nach dem Absurden schmeckt.” Damals trog mich der Schein. Es brauchte fast eine ganze Biographie, um “dahinterzukommen”. Hinter die Dinge, hinter das Ästegewirr der Bäume im Schloßpark vorm abendlichen byzantinischen Goldgrundhimmel, vor dem ich viertelstundenlang unverwandt verharrte, damals. Der Schein trog, denn Gott ist. Und zwar hinter der Erscheinungswelt. Geistliches Leben, das nicht die Hölle ist, ist möglich. Natürlich nur fragmentarisch, unterbrochen von langen Durststrecken der Banalität des Hier und Jetzt, das sei nicht geleugnet, aber im Prinzip. Das verändert alles. Nach der infernalischen Golem-Phase versuche ich, numinos wohnend, ein geistliches Leben zu führen. Die benediktinische stabilitas loci des Vaterhauses ist vertraute Erscheinungswelt, die es leichter macht, schriftlich ein Dahinter zu denken. Nach dem Erwachen freilich ist die Aussicht auf einen weiteren geistlichen Tag eine Horrorvorstellung. Doch das verzieht sich erfahrungsgemäß. Nach einer Stunde bin ich nicht mehr Golem, sondern beseeltes Fleisch und Blut mit Menschenwürde aus eigenem Recht. Das ist meine mittelbare Empirie der transzendenzunmittelbar gesetzten unzerstörbaren Geistseele im Menschen, die mit dem Gehirn des Überlebensbewußtseins aus Materie wechselwirkt und für Inspiration offen ist. Das ist empirischer anthropologischer Dualismus auf der Basis des heuristischen Privilegs der Golem-Phase. Wer es mir nachtun wollte, müßte danach trachten, einen Ort zu finden, der es leichter macht, ein Dahinter zu denken. Das muß keine Kirche sein, die eigenen vier Wände, im Sinne von Leonardo Boffs kleiner Sakramentenlehre mit Bedacht eingerichtet, genügen. So ist etwa für Boff der Stummel der letzten Zigarette, die sein Vater vor dem Tod rauchte, ein Sakrament, für Romano Guardini Licht und Glut einer Fürbittkerze unterm Elternfoto heiliges Zeichen. So läßt sich mit geringen Mitteln numinos wohnen. In diesem Sinne ist der Jakobsweg ein tragikomischer Irrweg, denn der Kobold zieht mit, sagte Kierkegaard. Ich habe den jeden Morgen eine Stunde lang als Golem in der Brust. Nicht auszudenken, welchen Streich er mir in Lourdes oder Santiago de Compostela nach beschwerlicher Anreise spielen würde. Ich bete nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen, indem ich schreibe, weil ich muß und was ich muß. Nach meiner Erfahrung muß man mit dem Dahinter auch mutterseelenallein sein, damit es einen ansprechen kann. Man muß zum Einzelnen werden, der dem “man” die kalte Schulter zeigt. Unter Leuten ist die Erscheinungswelt aus Erz. Vor Gott ist nämlich jeder Mensch ein Einzelner. Das ist ein starkes Argument gegen den religiösen Betrieb, den ich darum aus leidvoller Frustrationserfahrung meide. Bei der Messe hat es in mir nie Klick gemacht, denn der Kobold zog mit. Welch groteskes Beginnen aber auch, von A nach B zu wandern, um Gott zu dienen! Hic Rhodus, hic salta! In der alttestamentarischen Hiobs-Dichtung achtet der gerechte Dulder alle erlittenen Qualen gering dafür, daß Gott, den er bisher nur wie alle von Hörensagen kannte und glaubte, ihm persönlich begegnet. Das ist Weltliteratur, nicht Historie. Historie aber ist André Frossards Gottesbegegnung vom 8. Juli 1935, von der er mit sich selbst beglaubigender Sprachmächtigkeit in Buchform Zeugnis abgelegt hat. Dies hat mich als menscheitsgeschichtliche Singularität überzeugt und den Weg mir gebahnt, meinerseits sagen zu können “Gott ist”. Wenn man das zu Ende denkt, verhilft es zu Zukunft in Gottvertrauen über den Tod hinaus. Ich durchlebte nach dem Abitur ein ganzes Jahr in nagender Todesfurcht und konnte nicht begreifen, wie die Leute auf der Straße ohne diesen allzu naheliegenden Gedanken gleichmütig ihren Geschäften nachzugehen vermochten. Darum ist mir heute “daß Gott ist” ein großes kostbares Geheimnis, das man nicht wie die Kategorie Menge inflationär im Munde führen darf. Mag es jeder Einzelne im Stillen für sich zu Ende denken. Wenn ich die bis dahin zurückgelegte Wegstrecke bedenke, wird mir schwindelig. Noch heute muß ich sisyphosgleich täglich den Glaubensfelsen von der Talsohle der Golem-Phase auf den Gipfel wälzen, denn “Welt ist von Erz, ein glü´hnder Stier, der hört kein Schrei´n. Mit fliegenden Dolchen schreibt der Schmerz mir ins Gebein: Welt hat kein Herz. Und Dummheit wärs, ihr gram drum sein.” Da bin ich gestartet. Nietzsche stand bei meinem ersten selbständigen Gedanken Pate. Hinzu kamen Camus, Schopenhauer, Wittgenstein und Kafka. Also ist für mich bei Licht betrachtet das Leben die Hölle des Absurden. In diesem weltanschaulich extrem sauren Boden pflanzte Frossard nun das zarte Kräutlein “Gott ist”. Mehr habe ich nicht zu berichten. Wer mit Doktor Murphys positivem Denken sein Auslangen hat, wird darob die Achseln zucken. Nur ist, wenn man erst einmal das principium individuationis durchschaut hat, die Hölle auf Erden spätestens ein paar Flugstunden weiter gleich nebenan, da werden die Qualen anderer wie eigene. Da macht es denn doch einen Unterschied, ob gilt “Gott ist tot” oder “Gott ist”. Welt ist nämlich von Erz. Und wo ist Gott?. Überall hinter der Erscheinungswelt. Es bräuchte eigentlich keine Gotteshäuser. Die sind nur für die Kategorie Menge, nicht für den Einzelnen vor Gott. Wer glaubt, ist nie allein, außer in der Gemeinde.