Thema: Fortleben

Freitag, 22.12.2006. Der jüngste Text hatte im abendlichen Faxfeedback “ganz gut gefallen“. Die Zensurlektüre erwies ihn heute als gültig, weil er den katholischen heidnischen Platonismus, die metaphysische Grundlage des Menschenrechts auf ew‘ge Heimat der unsterblichen Seele, gegen den protestantischen Schlacken-Biblizismus um den Preis des interkonfessionellen Unfriedens mit Zähnen und Klauen verteidigt. Diese Unfriedlichkeit hatte der Sohn bemängelt und gemeint, ich hätte sie doch spätestens jüngst überwunden. Tatsächlich hatte ich anläßlich der Wiederbegegnung mit dem katholischen Weltkatechismus meiner Herkunftskonfession Diesseitsmeriten zugesprochen. Aber der ent- scheidende Punkt für meine Konversion via Frossard ist doch der katholische Fortlebensglaube, welcher der protestantischen Ganztodlehre diametral entgegensteht. Seine Jenseitsmeriten werden mir mit zunehmendem Pflegefallrisiko immer wichtiger. - Gestützt werden sie durch die Kübler-Ross-Thanatologie und meine Empirie des Gehirn-Geist-Dualismus am Schreibplatz nach der monistischen Morgendepression e contrario. Erstaunlicherweise tritt der fundamentale Unterschied der beiden Konfessionen gar nicht ins öffentliche Bewußtsein, Der Protestantismus gilt nur als die freiheitliche Alternative zur rigiden Papstkirche. Auch ich mußte in fünfzigjähriger Zugehörigkeit erst das Kleingedruckte studieren, um zu merken, daß es da nicht um jenseitiges Fortleben, sondern um Ganztod mit Auferstehung am Sanktnimmerleinstag geht. Und zwar um Auferstehung zu Immanenzbedingungen, denn der Menschensohn k o m m t in Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels, um zu richten die noch Lebenden und die Auferstandenen; nicht sterben wir, zu Transzendenzbedingungen wie vermeint zu individuellem Gericht sukzessive zu ihm hin, der gleich ist dem Vater an Macht, an Substanz und an Ewigkeit. — Wie geistleibseelische Ganzheit unter Berücksichtigung der sterblichen Reste in den Gräbern hergestellt werden kann, bleibt unerforscht, vom Aschenmehl in der Weichsel einmal ganz abgesehen. Das wissen die religiösen Profis im schwarzen Nachthemd natürlich auch und schweigen eschatologisch fein still, im Windschatten der Jenseitsmeriten der rigiden Papstkirche. Meine leukämiekranke Cousine hat den biblizistischen Schwindel mit dem Menschensohn auf den Wolken des Himmels jedenfalls nicht mitgemacht und glaubte, einen unumkehrbaren Ganztod zu sterben. Ich hatte ihr, noch hie gut lutherisch allewege, am Sterbebett von jenseitigen Fortleben zu sprechen versucht, biß aber auf Granit. Anscheinend hatte sie sich während
ihrer Krankheit in unserer Konfession eschatologisch sachkundig gemacht. Es war “der Tod und das Mädchen“. - Sogar der Grabspruch Kierkegaards sagt in protestantischer Orthodoxie “noch eine kleine Zeit, dann ist‘s gewonnen“. Das sind nicht etwa die Worte eines Sterbenden, sondern die seiner sterblichen Hülle unterm grünen Rasen, denn gemeint ist die subjektiv unmerkliche Pause des absoluten Nihil zwischen dem letzten Atemzug und der wann auch immer erfolgenden Auferstehung. Die logistische Problematik des Weltgerichts hienieden über die Abermilliarden der ehemaligen und dann gegenwärtigen Erdbevölkerung, wo die Schafe von den Böcken geschieden werden, bleibt von den religiösen Profis im schwarzen Nachthemd gleichfalls unerwähnt. Mit einem Wort, der Protestantismus kündet biblisch korrekt aber ontologisch ungereimt. — Das biblisch viel schwächer aber immerhin a u c h verankerte jenseitige Fortleben stellt zwar den vollen Wortlaut des apostolischen Glaubensbekenntnisses in Frage, ist aber per saldo theologisch gleichwertig und im Sinne der Ökonomie der metaphysischen Mittel wesentlich eleganter. Das weiß die Una Sancta und handelt danach, bringt aber Theologen zum Schweigen, die es explizit machen. Daß dem Weihbischof Neuhäusler in der Hitze des apologetischen Gefechts zwischen “Kreuz und Hakenkreuz“ vor Jahrzehnten der Terminus “Unsterblichkeit der Seele“ öffentlich entschlüpft ist, dürfte eine bibliophile Rarität bleiben. Die Kirche hätte andernfalls nicht nur die irrenden Geschwister in Christo, sondern den Nobelpreismonismus gegen sich und würde in diesem Zweifrontenkrieg ohne Not Federn lassen müssen. Deshalb muß es sich das Fußvolk halt selbst denken. Die uralte Menschheitsintuition der Destination Transzendenz des Humanum ist ohnehin das Nächstliegende. -In diesem Sinne war meine Grabrede für die Schwiegermutter, an der Drohbotschaft vorbei, ein voller Erfolg. Der nur zum Vaterunser der Trauerversammlung angetretene diensthabende Priester gab mir im Weggehen die Hand und sagte “Vielen Dank für Ihr Wort“. Die Drohbotschaft übrigens nehmen etwa die Zeugen Jehovas ohne Trick siebzehn mit Gelassenheit hin. Ihnenzufolge werden die Verfluchten im ‘ewigen Feuer“ nur u m k o m m e n, und ihre “ewige Strafe“ wird sein “ewige Abschneidung”, also nur endgültiger Ganztod, basta. Ein jenseitiges Fortleben kennen sie allerdings nicht, nur eine Auferstehung der selektierten Gerechten nach Harmageddon. Die beiden großen Konfessionen aber lehren die ewige Strafe nach dem individuellen oder universellen Gericht. Hier hilft der empirische Metaphysiker Frossard weiter, der sie als nur befristete Sühne ansieht, nach der auch die Verlorenen gerettet sind. Das jenseitige Fortleben zur ew‘gen Heimat hin ist ihm auf der Basis seiner objektiven Gotteserfahrung metaphysische Gewißheit. Diese habe ich mir zu eigen gemacht. Ich wollte, ich wäre schon für meine Cousine so weit gewesen. Heute würde ich ihr sagen “bald bist du angekommen, und weiteres wird sich finden. Es wird beseligend sein“. Denn ich glaube an das Menschenrecht unseres jenseitigen Fortlebens zur ew‘gen Heimat hin, dessen kalendarische Adresse wir allweihnachtlich begehen.