Thema: Todestag

Samstag. 23.9.2006. Im abendlichen Faxfeedback hatte der jüngste Text “gut gefallen“ und war “sehr klar“ genannt worden. Die Zensurlektüre erwies ihn heute als gültig, weil er die lehramtlichen Konsequenzen aus der bibelwissenschaftlichen Relativierung der fünf “Bücher Mose“ aufzeigt und zur Karikatur dessen, was mich unbedingt angeht, in Beziehung setzt. Im Wegwerfzustand war das, sich aus dem antikreationistischen Schöpfungsglauben ergebende, abstrakte dualistische Gottesbild Gegenstand nagender Selbstzweifel. Ich hielt es konkretistisch für häretisch, daß man den Schöpfer der Schöpfung nicht anmerken können soll. Doch inzwischen bin ich wieder soldatisch unterwegs zum Nachher der Empirie des Dualismus und lasse die menschheitsgeschichtliche Singularität des Frossard-Wunders im Herzen des Abendlandes die Silbe “Gott“ mit Wahrheit füllen und in meinem hörenden Herzen erklingen. - Ich habe seit der Grabrede für die Schwiegermutter vor sieben Jahren am religiösen Dualismus unverändert festgehalten. Meine Schwägerin in Paris, die gestern anrief, hat sich die Rede aufgehoben und sprach mich darauf an. Ich sagte, ich hätte vielleicht ein paar Fortschritte gemacht sei aber unverändert meiner damaligen Meinung. Da heute der zweiundsechzigste Kriegstodestag meines Vaters fällt habe ich Anlaß, die dualistische Einsicht zu bedenken, daß jeder Tod so oder so ein neuer Anfang mit Gott ist. “So oder so“ - das heißt von hier aus gesehen je nach Gottesbild. Um meines unschuldig-schuldigen, verblendeten Mitläufervaters willen, in Feldgrau auf der falschen Seite, die den Tätern von Auschwitz unwissentlich den Rücken freigehalten hat, hoffe ich auf ein liebesgerechtes Gottesbild, nicht das juristische Zorngott-Bild des unerforschlichen Ratschlusses. - Da kommt mir der Fund der bibelwissenschaftlichen Relativierung der fünf “Bücher Mose“ wie gerufen. Sie stützt die katholische Auffassung, daß die Quintessenz der Bibel die Lebens- und Sterbensbürgschaft Jesu für seinen allmächtigen, liebenden Abba-Gott ist, woraus sich nicht unerforschlicher Ratschluß ergibt, sondern der Unterschied von Wollen Gottes und Zulassung Gottes, sowie deshalb die Destination Transzendenz des Humanum nach Lukas23,43. Der neue katholische, päpstlich abgesegnete antikreationistische Schöpfungsglaube treibt die Zulassung Gottes nur auf die Spitze und sagt, daß “Welt“ bloß gottzugelassen, nur “Selbst“ in der gesonderten Schöpfung Mensch gottgewollt ist. Für den Monisten aber ist auch die Schöpfung Mensch lediglich “Welt“; und “Selbst“, wie bei Tillich, ein abstrakter Grenzbegriff, der sich sogar auf unbelebte Materie anwenden läßt. - Folglich muß man als religiöser Monist der Schöpfung den Schöpfer ansehen können, Das war heute in der Morgendepression Gegenstand meiner nagenden Selbstzweifel und ich war unterwegs zum atheistischen Nobelpreismonismus von Monod.  Der Nobelpreisdualismus von Eccles aber begründet eine kentaurische Anthropologie und damit die Sonderart der Schöpfung Mensch. Ihm zufolge ist es nicht mehr nötig, “Welt“ als gottgewollt und unerforschlichem Ratschluß unterworfen zu betrachten. “Welt“ am Humanum ist nur noch die Physis und das bewußte Psychische aus evolutionärer Genese, das auch den höheren Tieren eigen ist, nicht aber das unzerstörbare Geistselbst aus Übernatur mit seiner Destination Transzendenz. - Das reimt sich perfekt auf das katholische Gottesbild der biblischen Quintessenz, jedoch nicht auf den monistischen Vorsehungsglauben der protestantischen Orthodoxie unter Beibehaltung der Verbindlichkeit des Wahrheitswerts der fünf “Bücher Mose“. Wenn der Schöpfungsbericht, die “‘Urlüge Satans“ in Eden und der Mythos vom Sintflut-Zorngott “Jehova“ nicht von Mose, sondern von späteren Zauberlehrlingen stammen und sich das herumspricht, dann ist der Weg frei für die biblische Quintessenz der katholischen Einheitsübersetzung, die von den Protestanten im alten Teil nicht mitgetragen wird. Wohl aus Respekt vor dem Judentum, das die Thorá als sein “Gesetz“ betrachtet und ohne Abstriche seinem Religionsstifter zuschreibt. Ich habe meine Einheitsübersetzung vorzwanzig Jahren gekauft und bis vor kurzem nicht gemerkt, welchen Zündstoff sie birgt. - Erst die Konfrontation mit Bibel-Pöbel hat mich als Hobbychristen dazu gebracht, das Kleingedruckte zu lesen. In der Bibel konkurrieren zwei Gottesbilder, das monistische und das dualistische. Letzteres ist den Juden verschlossen, weil es fast ausschließlich im Neuen Testament enthalten ist. Deshalb mußte der jüdische Philosoph Hans Jonas in seinem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ Gott die Allmacht absprechen, um das Theodizeeproblem zu vermeiden. Der Dualismus aber braucht bloß eine immanentistische Allmachtenthaltung Gottes zu Prüfungszwecken anzunehmen und die göttliche Allmachtentfaltung in die Transzendenz zu verlagern, wo sie sich in der liebesgerechten Ausgestaltung der ewigen Schicksale auf der Datenbasis naturbelassener Erdenschicksalsdynamik manifestiert. Ewigkeit, du Donnerwort! So hoffe ich am Todestag meines Vaters für ihn auf glimpfliche purgatorische Umwege zum ultimativen Heil und auf seine baldige Vollendung im Fluidum totaler unendlicher Liebe. Er hat mir lebenslang gefehlt. Vielleicht gibt es einst ein Wiedersehen. Bis ich eingehe “in meinen Todesschlaf“, will ich leben wie er, “als Soldat und brav“.