Thema: Nachdenken

Sonntag, 17.9.2006. Im abendlichen Faxfeedback war der jüngste Output “ein guter Text” genannt worden. Die Zensurlektüre erwies ihn heute als gültig, weil er zwischen dem allgemein verbreiteten Monod-Humanum aus Zufall und Notwendigkeit und dem seltenen Eccles-Humanum aus Zufall, Notwendigkeit und Geistselbst-Menschenwitz unterscheidet. Heute erschien mir der Text in der Morgendepression als Makulatur. Doch inzwischen sagt mir Vernunftgebrauch, daß ich im Wegwerfzustand eben ein cerebral erkrankter Monod-Mensch bin, dessen entgleister Hirnstoffwechsel zufallsgesteuert an der Notwendigkeit der Zeitgeist-Bedeutungen entlangdenkt und deshalb heuristisch auf keinen grünen Zweig kommen kann. Nach dem Erwachen bin ich kein Selbst, sondern ein “man”. - Das ändert sich in der Morgenandacht. Die geschulte Metaphysik meines Geistselbst nach Eccles befähigt mich dann, der Notwendigkeit der Zeitgeist- Bedeutungen des “man” eigene Bedeutungen geistlicher Besonnenheit entgegenzusetzen. In deren Licht ist ein Text wie der gestrige wieder von Wert. Sein Finish stammt vom Papst. Bei dessen Besuch hatte dieser in der Universitätsstadt, wo er acht Jahre Professor war, einen Vortrag über die Vernünftigkeit des Glaubens gehalten, wobei auch die muslimische Auffassung zur Sprache kam, daß Gottes Wille an keinerlei menschliche Kategorien gebunden ist, auch nicht die der Vernunft. In diesem Zusammenhang fiel mißverständlich ein Zitat aus dem 14. Jahrhundert, das als Rollenprosa nicht die Meinung des Vortragenden wiedergab, in dem Mohammed als Irrlehrer und Unheilsbringer apostrophiert wird, weshalb jetzt die gesamte islamische Welt aus dem Häuschen ist. In Castel Gandolfo wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt und der Vatikan wird zur Festung. Das ist ein gutes Beispiel für die enorme steuernde Kraft von Bedeutungen, mit welcher der Vernunftgebrauch des Menschenwitzes Poppers Welt drei der Ideen vervollständigen und so auf der Welt Lauf genauso Einfluß nehmen kann, wie der Zufall im Rahmen der Notwendigkeit der Naturgesetze. Steuernde Bedeutungen wirken wie Naturgesetze im Weltgetriebe und beeinflussen den quantenphysikalisch zufallsgesteuerten Hirnstoffwechsel auch des Monod- Humanums, das frei zu wollen und selbständig zu denken wähnt. Nun ist der Papst durch lebenslange Schulung der Metaphysik seines Geistselbst ein Eccles- Mensch und kommt heuristisch auf einen grünen Zweig. Das “man“ der muslimischen Welt aber versteht nur die mittelalterliche Mohammed-Schelte und nimmt übel was an den Speichelfluß des Pawlowschen Hundes beim Ertönen des Klingelzeichens erinnert. Der Djihad ist ein durch die Notwendigkeit pseudoheiliger Bedeutung konditionierter Reflex.- Religiös motivierte Gewalt konnte die Christenheit durch die Aufklärung überwinden, weil ihre Gründungsurkunde mit den sieben Siegeln nicht als verbalinspiriert gilt, die Zeugen Jehovas ausgenommen, aber der Islam ist durch die gewähnte Verbalinspiration des Koran vernunftresistent. Deshalb war es der eigentliche Sprengsatz beim Vortrag des Papstes, daß Gottes Wille an die menschliche Kategorie Vernunft gebunden ist. Das macht das Abendland konkurrenzlos und erklärt auch, warum sich die menschheitsgeschichtliche Singularität des Frossard-Wunders ausgerechnet im Herzen des Abendlandes ereignen konnte. - ich sage mir deshalb “warum in die Ferne schweifen, sieh‘, das Gute liegt so nah’‘‘ und verzichte auf Indienreisen, Ashram- Besuche sowie auf japanisches Zen in der Kunst des Bogenschießens. Ich verlasse mich auf das Diktum des Papstes, daß Gottes Wille an die menschliche Kategorie Vernunft gebunden ist, und betrachte darum schon Vernunftgebrauch als Gebet. Dem stünden die buddhistischen Denkverbote entgegen, würde ich mich unter die sinnsuchenden westlichen Zeitgeistler mischen. Meditieren nein danke, Nachdenken genügt. Bei Paulus ist der Friede Gottes zwar höher als alle Vernunft, aber das ist seit Kants Vernunftkritik kein Widerspruch zum Papst-Diktum, das bloß vernunftgestützten Glauben meint. Kants vernunftpolizeilicher Riegel wollte nur für diesen Platz schaffen, nicht das Nachdenken verbieten, wie es der Buddhismus tut. Genug damit, daß das “man“ darauf verzichtet und zur reinen Funktion von Zufall und Notwendigkeit wird, mit der Folge von Todesfurcht und metaphysischer Ratlosigkeit bei Todesnachrichten im Radio über islamistische Selbstmordterroristen, die täglich gesendet werden. Ich fürchte um das Leben keines Menschen, auch nicht um das meine, denn jeder Tod ist ein neuer Anfang mit Gott. Das sagt mir auf der Basis vernunftgestützten Glaubens mein Nachdenken bei der Morgenandacht nach dem todesangstschlotternden naturbelassenen Wegwerfzustand. Wer hat da jetzt recht:  ich monistisch naturbelassen nach Monod oder ich dualistisch vervollständigt nach Eccles? Das Duell der Nobelpreisträger entscheidet über den Wahrheitswert meines Nachdenkens.