Thema: Der Besuch

Freitag, 8.9.2006. Im abendlichen Faxfeedback war der erzieherische jüngste Output “ein interessanter Text“ genannt worden, sehr direkt, nicht verklausuliert wie üblich. Die Zensurlektüre erwies ihn heute, trotz diesbezüglichen Defaitismus in der Morgendepression, als gültig, weil er die Risiken und Nebenwirkungen dessen, was letztlich zählt, in den Blick nimmt und väterlich vor ihrem Mißbrauch warnt. Das ist mehr, als meine Frau zu bieten hätte, die Glauben geringachtet, Deshalb wohl erschien dem Adressaten die gestrige Philippika als akzeptabel. Ich bin durch den krankhaften Realismus der Morgendepression davor gefeit, in glaubensbedingten Beziehungswahn zu verfallen. Ich muß froh sein, wenn ich den Aufstieg aus dem Morgen-Abgrund schaffe und vorn gottverlassenen Heiden zum geistlich besonnenen Katholiken werde. Für Erwählungsphantasien ist da kein Platz. -Den Zeitgeist-Aufkleber “Heidenspaß statt Höllenqual!“ zum Papstbesuch, mit dem meine Frau hausieren geht, kann ich nicht anstößig finden, ich bin selbst zu Tagesanfang monistischer Heide, allerdings ohne Spaß. Und da “Höllenqual“ sich auf das nicht frossardbeglaubigte Dogma von der Ewigkeit der Hölle bezieht, ist der Zeitgeist hier ausnahmsweise sogar einmal tiefgründig. Weitsichtiger wäre allerdings “erst Heidenspaß, dann Höllenqual“, Dualismus vorausgesetzt. Der Papst wünscht sich vom Besuch in seiner alten Heimat die Erweckung von mehr Freude am “Christentum”. Da nicht monistisch der eindimensionale Sintflut-Zorngott “Jehova“, sondern nur dualistisch der allmächtige liebende Abba-Gott Jesu auf die Schäbigkeit des Daseins Glanz des Dannseins folgen zu lassen vermag, und da dies in der Una Sancta consensus omnium ist, hat der Papst mit seinem Reisewunsch einen Nerv getroffen. - Er sollte nur das vermaledeit unfehlbare Höllendogma bei dieser Gelegenheit im Sinne der Allversöhnung nach 1.Korinther 15,28b schöpferisch uminterpretieren, dann wäre es auch mit meiner Freude am Christentum weit her. Aber da wird mir der Schnabel sauber bleiben, die Una Sancta ist ein Riesentanker und eine Kursänderung dauert mehrere Pontifikate. Schon ihr Friedensschluß mit der Urknall- und Evolutionstheorie, unter der Ägide des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation und jetzigen Papstes, war eine viel zu wenig beachtete Sensation. Bis zur Kurskorrektur des Tankers in Sachen Hölle müssen sich die Gläubigen in den Rettungsbooten zurückrudernd mit Trockenübungen behelfen, wie sie es zuvor schon beim Antimodernisten-Eid gegen den Neodarwinismus getan hatten. - Denkbar wäre etwa, zu sagen, ewig sei die befristete Hölle auch bei Allversöhnung, aber eben ausgeleert als Ort der selbstzerstörerischen Totalisolation der personifizierten Macht des Bösen, die als ein Prinzip nicht erlösbar und von außen auch nicht zerstörbar ist, wie die Zeugen Jehovas meinen. Damit wäre dem frossardbeglaubigten Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes Rechnung getragen und 1.Korinther 15,28b gleichwohl nicht in Frage gestellt. Noachs Sippe tut sich mit Höll’ und Teufel entschieden leichter. Eine Hölle gibt’s nicht, nur Ganztod, und Satan wird nach Harmageddon der Kopf zertreten, basta. Nur ist eben das katholische Lehramt ausweislich der Frossardbeglaubigung auf der Basis eines echten gottgewirkten Wunders durch die metaphysischen Tatsachen in vollem Umfang gedeckt, das eiskalte, knallharte Lehrgebäude der Zeugen Jehovas nicht. Ich habe in der Konfrontation mit diesem ex negativo viel gelernt. - Bei ihm folgt auf die Schäbigkeit des Daseins ein Dannsein in Mehrvondemselben wie bisher, nur ohne Krankheit, Alter, Tod und Satan. Beim katholischen Lehramt in der Apokatástasis-Variante, also ohne doppeltes ewiges Schicksal, dagegen dient letztlich jedes einzelne Sterben im Wege des religiösen Dualismus der Vervollständigung des dritten Himmels beim Abba- Gott Jesu. Da Jesu Christi Erlösertod den eschatologischen Faktor Gnade eingebracht hat, auch rückwirkend, denn “am Ende wird sein Gott Alles in Allen“. Man muß wie ich über Jahre hinweg die Alternative von Noachs Sippe auf sich wirken lassen, um dem Papstwunsch zufolge Freude am Christentum empfinden zu können. - Die Alternative fußt auf den fünf “Büchern Mose”, der Thora der Juden, die im Licht der modernen Bibelwissenschaft nicht von Mose stammen, sondern nachrangige, pluralistische, chefredaktionell geglattete Quellen sind. Sie liefern den Sintflut- Zorngott “Jehova“, dem auf der Basis von Lukas, Johannes, erster und zweiter Korinther sowie Römer der Abba- Gott Jesu als Quintessenz der Bibel gegenübersteht. Beide Gottesbilder sind nicht vereinbar, weshalb die Zeugen Jehovas ihre Neue-Welt-Übersetzung auf innere Widerspruchsfreiheit antikatholisch getrimmt haben und damit zwecks Proselytenmacherei hausieren gehen, mit der einleitenden Frage “wollen Sie sterben oder leben?“ Da tut es gut, daß der Kapitän des Tankers Una Sancta in seiner alten Heimat einen Landgang unternimmt. Er stellt sich hin und zeugt für die Relevanz der Wahrheitsfrage, die seit zweitausend Jahren im Raum steht, und auf die er die vergleichsweise schlüssigsten Antworten bereithält. Die Wahrheit ist objektiv und absolut und man kann sich ihr nur asymptotisch annähern. Doch die relativ achsennächste Asymptote vertritt der hohe Besuch vom Wochenende. Möge ihm wenig Heidenspaß in die Quere kommen. Das mit der Höllenqual hat er schon im Griff. Wer sonst, wenn nicht er?