Thema: Ferragosto

Mittwoch, 15.8.2001. Heute ist Mariae Himmelfahrt. In Italien, dem Land des Heiligen Stuhls, ist es der größte Feiertag des Jahres, also muß mehr daran sein, als ein bißchen Volksfrömmigkeit hierzulande, und auch das nur unten auf der Landkarte. Jedes Jahr neu frage ich mich an diesem Tage, warum C.G. Jung das Dogma Pius´XII. von 1950, von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, als die größte Tat der menschlichen Geistesgeschichte bezeichnet hat. Es könnte damit zusammenhängen, daß die Einzigartigkeit des Selbst weitgehend somatisch codiert und daß vor allem die weibliche Geistigkeit weithin materiell implizirt ist, woraus folgt, daß die Ewigkeit nicht auf heilige Materie als die Basis des Geistes ver- zichten kann und sich auch in diesem Punkt als der Immanenz an Wirk- lichkeitsgehalt überlegen erweist. Vielleicht ist das E = m .c2 ein Schlüssel zum Verständnis dieser Paradoxie. Ich glaube nicht an ein leeres Grab Mariens, aber an die Fortdauer ihrer somatisch codierten weiblichen Geistigkeit unter Transzendenzbedingungen im Augenblick ihres Todes. Wenn schon hienieden Masse in Energie umgewandelt werden kann und umgekehrt, dürfte es im Umgreifenden nicht an Wegen mangeln, geistige Energie mit Gestalt auszustatten. Heute begehe ich also den Tag, an dem der Leib-Seele.Monismus nur noch haarscharf danebenhaut und an dem ich alle Hände voll zu tun habe, meine dualistische Gesinnung zu retten. Die Einzigartigkeit des Selbst ist somatisch ja nur codiert, nicht fundiert - das ist der kleine Unterschied. Daß Maria ohne Durchbrechung des dualistischen Prinzips in ihrer geistleibseelischen Ganzheit Fürbitterin ist vor Gott für unsere ja weitgehend leibliche ethische Gebrechlichkeit, die Paulus sarx nannte, ist mir als gewesenem Protestanten die Kostbarkeit des Tages. Wie man die Mutter der zweiten Person der Trinität als lediglich “Schwester im Glauben” abhaken kann, war mir schon in der Spätphase meiner konfessionellen Herkunft unerfindlich. Das Schöne an der Marien- verehrung ist, daß man ruhig ein bißchen naiv sein darf. In der Christologie ist äußerste Geistesschärfe vonnöten, in der Mariologie kann man Kind sein, das ahnt, daß alles Geschenk ist.- Morgen hat, wie jedes Jahr nach Ferragosto, meine Frau Geburtstag. Nicht nur die schamanistische Ästhetik ihrer Bilder deutet drauf hin, daß sie eigentlich eine Wilde mit nur noch katholischer Ethik ist. Nebenan auf dem Kaminsims liegt schon mein Geschenk bereit. Es ist blaugelb verpackt, eine sündteure Hautcreme. Nehme ich es einmal als Hommage an die größte Tat der menschlichen Geistesgeschichte: Die Entdeckung der Haut auch im Umgreifenden.