Thema: Der Grenzgänger

Dienstag, 22.8.2006. Im abendlichen Faxfeedback war der jüngste Text wegen Depressivität, gepaart mit Perspektivlosigkeit außer dem Sterben im Glauben, durchgefallen. Dennoch erwies ihn heute die Zensurlektüre aufgrund seiner bedingungslosen Ehrlichkeit als gültig. Otto Stummers Notbejahungshypothese reimt sich auf meine Hypothese von der immanentistischen göttlichen Allmachtenthaltung zu Prüfungszwecken für die spätere Gestaltung des ewigen Schicksals, deshalb habe ich sie aufgegriffen. Wenn man beides akzeptiert, hat man allerdings wirklich keine andere Perspektive als das Sterben im Glauben. Daher frage ich mich, woher mein Grenzgang, mein Vorhernachherprivileg des Glaubens am Schreibplatz kommt. Ist es nur Glück im Unglück, oder doch Gottes Segen? Dann wäre mein Erdenschicksal doch nicht ganz naturbelassen, sondern auch wunderhaft gottgewirkt. - Bei echten Wundern durchbricht Gott ja seine immanentistische Allmachtenthaltung pars pro toto, um werbend weiterführende Zeichen zu setzen. So will auch ich meine “Nach-Auschwitz-Hypothese zur Theodizeevermeidung“ relativieren und annehmen, daß Gott auch hienieden segnet, allerdings nach dem Prinzip der Ökonomie der metaphysischen Mittel, nicht inflationär. Vielleicht habe ich mir höheren Orts den Segen meines Schreibplatzglaubens durch einigermaßen gute Führung verdient, wer weiß. Diesem täglichen Brot des lebbaren Status Quo gebührt wie dem Kollektivwunder der Normalität in unseren goldenen Zeiten und Breiten ein ausdrückliches Gottseidank. Ich danke nur für Gottes ursprüngliches Schaffen meines Selbstseins und diese zwei Dinge, bevor ich am Schreibplatz mein erstes Nikotin inhaliere, während Tillichs großes Dankgebet am Schluß seiner systematischen Theologie sich gar nicht zu lassen weiß vor Lobpreis für den Reichtum des Erdendaseins. - Das ist meine Sache nicht, ich bin inzwischen Katholik und vom rückhaltlosen protestantischen Vorsehungsglauben dispensiert. Da wäre mir zuviel “unerforschlicher Ratschluߓ dabei, beziehungsweise zuviel “Zwischen-Gott-und-Satan“-Hypothese eines Thielicke, was beides die monistische Ganztodlehre der protestantischen Orthodoxie nach Jüngel erforderlich macht. Für den Monisten spielt nämlich im Dasein, das sich reimen muß, die Musik, für den Dualisten im Dannsein. Das Frossard-Wunder hat gezeigt, daß Gott ausdrücklich dem Dualisten rechtgibt, deshalb wird es von den irrenden Geschwistern in Christo auch kleingeredet. Für sie ist, wie für die fanatische Bibelsklaverei der Zeugen Jehovas, der Neue Bund mit den Aposteln erloschen, so daß echte Wunder nicht mehr möglich seien. - Dafür habe ich Jane Roberts‘ “Gespräche mit Seth“ auf dem Büchertisch meiner ehemaligen lutherischen Sprengelkirche liegen sehen. Nur die Una Sancta weiß Wunder von satanischen Strukturlügen im Sinne geistverwirrender Paranormalität zu unterscheiden, indes die von des abwegigen Gedankens Blässe angekränkelten Protestanten jeden Fez mitmachen. Hauptsache neu, wie etwa auch ein Computeroratorium zum “achten Schöpfungstag“ usw. usf. “Mein Leben ist ein Fest“, singen sie beispielsweise, woraus ich schließe, daß es sich bei meiner religiösen Herkunft um eine Schönwetterkonfession handelt, der ich einundfünfzig Jahre angehört habe. - Tillich spricht von “katholischer Substanz“ und “protestantischem Prinzip“, welches beharrlich suchend fragt “ist d a s wirklich von Gott?“ So gesehen sind die Lutherischen tatsächlich mehr als “ein Rotes Kreuz‘, wie ein jüdischer Spötter einmal gesagt hat, aber eben nur in ihren theologischen Spitzenleistungen zum Beispiel eines Paul Tillich selbst. Dessen apologetischem Christentum halte ich nach wie vor die Treue, weil ich denke, daß Glaube eine Bringschuld ist, während die Una Sancta ihn als Holschuld versteht. Ihre Dogmatik sagt “friß, Vogel, oder stirb“. Da jedoch das Frossard-Wunder diese bis zum letzten Beistrich autorisiert hat, muß ich sie trotz meines antidogmatischen Kritischen Rationalismus ernstnehmen, ob ich will oder nicht. Ich versuche sie aber mit säkularen Erkenntnisquellen im Sinne Tillichs zu korrelieren. - In puncto Notbejahung bin ich bei meiner neuen Konfession besser aufgehoben, wie ja auch bezeichnenderweise Otto Stummer, der als junger Psychiater noch die Euthanasiezeit erlebt haben mußte, katholisch war. Für den religiösen Dualisten ist Sterben im Glauben eine ausreichende Erdenperspektive, weil er weiß, daß die nichtambivalente Frau und erbsündlose Magd des Herrn manchmal Angeld des Heils bringt, wenn auch nicht inflationär, sondern zeichenhaft- weiterführend in Lourdes und anderswo; und für uns Sünder bittet jetzt und in der Stunde unsres Todes. - Vor meiner Konversion durfte ich in ihr nicht die Muttergottes, sondern nur die “Schwester im Glauben“ sehen. Dafür hörte ich meine Glaubensgeschwister schon mal beten “Vater und Mutter unser, der du bist im Himmel“. Vermutlich war das der tragikomische Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte. Jeder Pastor sein eigener Reformator, das war mir des Priestertums aller Gläubigen zu viel. Ich las nochmal gründlich mein Frossard-Büchlein, es machte Klick und ich konvertierte vor fünfzehn Jahren. Aber ich bin als Quereinsteiger nur ein Achtelskatholik ohne Kirchenbezug mit Gebetsleben im stillen Kämmerchen. Außer bei diesem Büchlein, dem Weltkatechismus und dem “rk“ auf der Lohnsteuerkarte merkt man mir die Katholizität nicht an. Ich werde ein Grenzgänger bleiben mein Leben lang, hin und her zwischen rotem und schwarzem C, der Gottsuche oder der Gotteskundigkeit, “ev.luth.“ und “rk“. Not und Segen. Aber immer noch nicht zum Abschuß freigegeben wie Bruno, der tragische “Schadbär“ an der Alpengrenze, denn im Christsein gibt es keine Tragik, höchstens Tragik o m ö d i e.