Thema: Das große Vielleicht

Samstag, 12.8.2006. Im abendlichen Faxfeedback war der jüngste Text für “gut, sehr klar und reflektiert wie selten“ befunden worden. Dement- sprechend erwies ihn heute die Zensurlektüre als gültig, vor allem, weil er meine politische Rolle und ihre Schadfolgen auch für den Sohn erstmals deutlich herausarbeitet. Ja es stimmt schon, das Dasein ist sowieso schäbig und nur das Dannsein vielleicht glanzvoll. Aus der Sicht der Morgendepression ist dies eine unumstößliche Wahrheit, wobei ich da als säkularer Monist die zweite Hälfte unterschlage, und erst der religiöse Dualist nach Nikotin und Coffein am Schreibplatz sie mit Todesverachtung zu denken vermag, sukzessive den Aschenbecher füllend. Das Dannsein betreffend habe ich nur ein paar Indizien, nämlich den Gehirn-Geist-Dualismus in der Eccles-Variante, die Türspalt-Metaphysik nach Kübler-Ross, Lukas 23,43, und das Frossard-Folgebüchlein "es gibt eine andere Welt", während das Dasein bekanntlich auf der Hand liegt. - Der Senior- zeuge Jehovas, ein religiöser Monist, trug mir gestern auf, beim nächsten Mal zu beweisen, daß Frossard n i c h t von Satan inspiriert gewesen sei, um die Geister zu verwirren. Die fanatische Bibelsklaverei der Gottinhaber macht also in ihrem antikatholischen Furor auch vor der menschheits- geschichtlichen Singularität des empirischen Metaphysikers nicht Halt und zückt als Notbremse den Joker Satan, denn ich hatte dem Freitags- besucher Frossards Theophaniezeugnis zu lesen gegeben. Wir kamen überein, daß ich zwar nur ein Achtelskatholik ohne Kirchenbezug sei, weshalb die Unheilsgeschichte der Una Sancta mich nicht betreffe und diesbezügliche Kritik bei mir nur offene Türen einrenne, daß ich aber an Frossards Beglaubigung des katholischen Lehramts unverrückbar festhielte. - Daher also der Joker Satan, den ich nur bei Uri Gellers steriler Löffelbiegerei und aller anderen nicht zeichenhaft-weiterführenden geistverwirrenden Paranormalität zücken würde, denn Gott lügt nicht, wohl aber der Vater der Lüge. Nun hat Frossard vor seinem Tod noch das Portrait des vorigen Papstes “fürchtet euch nicht" zu schreiben beauftragt bekommen, was zeigt, daß er als katholischer Laie in der Hierarchie einen erstrangigen Stellenwert innehatte. Es müßte also schon Satan das lange Pontifikat Johannes Pauls des Zweiten ebenfalls inspiriert haben, wenn die Notbremse der Gottinhaber greifen sollte. Sie behaupten, der Papst lüge, wenn er sagt, es gebe eine Trinität und die Unsterblichkeit der Seele, denn beides stehe nicht in der allein wahren Bibel. Nun ist allerdings die Trinität in Johannes 1,1 implizit verankert, und die Unsterblichkeit der Seele in Lukas 23,43, - Es hat nur die Bibelübersetzung der Zeugen Jehovas die beiden Stellen verballhornt, um sie für das Gesamtkonzept passend zu machen, das davon ausgeht, daß die ganze Schrift in sich widerspruchsfrei verbalinspiriert ist, während ich sage, es sind nicht alles Nuggets, manches ist auch Abraum, und es bedarf eines professionellen Goldgräbers, eines studierten begnadeten Theologen wie etwa Eugen Biser, um zu entscheiden, was was ist. Mein Besucher nennt das Hochmut, weil ich klüger sein wolle als der Schöpfer, der die Bibel schließlich diktiert habe. “Nach Diktat verreist" kann ich da nur sagen. Mein antikreationistischer Schöpfungsglaube und meine minimalistische Erdenschicksalstheologie ziehen die Konsequenzen aus dem Friedensschluß der Una Sancta mit der Urknall- und Evolutionstheorie und aus dem “Gottesbegriff nach Auschwitz“ des jüdischen Philosophen Hans Jonas, nämlich die Hypothese von der Allmachtenthaltung Gottes im auf der Hand liegenden Dasein und die Beschränkung seiner Allmacht auf die Gestaltung der ewigen Schicksale im Dannsein. - Diese Frontbegradigung im Krieg der Weltanschauungen hat für mein immanentistisches Gottvertrauen schwerwiegende Folgen, deshalb bin ich nur Gottsucher, nicht Gotteskundiger oder gar Gottinhaber. Mit dem Dasein hab‘ ich‘s demnach theologisch nicht so, umso mehr mit dem Dannsein, das nicht auf der Hand liegt. Daher mein Einwand “nach Diktat verreist“. Hienieden warte ich nicht auf Gott, sondern auf Godot, denn das Dasein ist sowieso schäbig. Leider ist auch der Umkehrschluß auf den Glanz des Dannseins nicht zwingend, sondern Glaubenssache. Meine maximalistische Theologie des ewigen Schicksals ist zwar ebenfalls biblisch verankert, aber in der Una Sancta nicht consensus omnium. Deshalb bin ich auch nur Achtelskatholik ohne Kirchenbezug, und im Grunde bloß ein wahngefährdeter freischaffender Mystiker auf den Schultern Frossards.- Wenn der nun von Satan inspiriert war, dann bin ich auch ein Teufelsbraten. In den ersten zwei Stunden nach dem Erwachen kommt mir das plausibel vor, zwischen Aschenbecher und Kaffeetasse nicht mehr, dann bin ich religiöser Dualist und glaube an das große Vielleicht, in das ich hineinsterben werde. Es kann eigentlich nichts schiefgehen. Wenn der auf der Hand liegende Monismus siegt, hab‘ ich meine ew‘ge Ruh‘ als Dünger der Evolution nach der Schäbigkeit des Daseins; wenn der Dualismus mit seinen paar Indizien recht hat, wird das Dannsein glanzvoll, denn ultimativer Frevel liegt mir nicht zur Last. “Vielleicht ist es so. vielleicht ist es aber auch
nicht so“. Wohlan denn, mit Gott! Augen zu und durch. Georg Büchner hat es schließlich auch überstanden. So oder so. Ew'ge Ruh‘ oder letztlich totale unendliche Liebe für immer.