Thema: Das Gift

Dienstag, 8.8.2006. Im abendlichen Faxfeedback hatte der Sohn den jüngsten Text verschlüsselt, unklar und zu speziell genannt. Dennoch erwies ihn heute die Zensurlektüre als gültig, weil er nach dem politisch-gesellschaftlichen nun auch den religiösen Aspekt meines Traumas aufzeigt. Dieses politisch-religiöses Trauma bedingt höchstwahrscheinlich die infernalische Gesammtheit meines Hirnstoffwechsels in der Morgendepression. Heute fand ich am Schreibplatz paradoxen Trost bezüglich meines lebensunwerten Lebens in den ersten zwei Stunden nach dem Erwachen in der Tatsache, daß ich in der NS-Zeit wurzele und vaterlos aufgewachsen bin. Mit solcher Herkunft und solchem Trauma ist unsichtbares Unheil vorprogrammiert. Daß ich schon seit sechsundzwanzig Unheiljahren explizit nach mündigem Christsein strebe, hatte ich mir bisher nicht klargemacht. - Das rote C in der Politik á la Wehner war bei meiner Herkunftskonfession das Mittel der Wahl für den Gottsucher, nicht Gottinhaber des schwarzen C. Die damit verbundenen Irrungen und Wirrungen gehören deshalb genauso zu meiner jetzigen Thematik wie Texte geistlicher Besonnenheit. Insofern tut der Sohn dem jüngsten Text Unrecht, wenn er ihn als provinzkommunalpolitischen Schnee von gestern obsolet findet. Die Teilnahmslosigkeit meiner Frau bezüglich meiner sechsund- zwanzig C-Jahre ab der Lebensmitte stellt meinem gewesenen Eheglück ein Armutszeugnis aus. Ihre Lektüre des Internet-Textes “Die Maske“ an unserem kirchlichen Hochzeitstag zeigte einmal mehr diese Teilnahmslosigkeit und öffnete mir die Augen für die Verlogenheit ihres Arguments unsere Ehe sei glücklich gewesen und ich möge jetzt nicht alles kaputtmachen, was war. - Erst auf mein Drängen wurden die Kinder mit Verspätung lutherisch getauft. Mit dem, nicht gegen den Strich gebürstet war die Ehe in den ersten dreizehn “Bonnie und Clyde"-Jahren der Erwerbs- und Aufzuchtgemeinschaft, insofern hat meine Frau zum Teil recht. Unsere Heirat hatte mich aus dem mütterlichen goldenen Käfig befreit und ging einher mit unserer gemeinsamen Anpolitisierung durch die 68er, die bei mir in der Lebensmitte in die Faszination des roten C in der Politik á la Wehner und bei ihr in parteiloses “links und frei“ á la Brandt mündete. Meine religiöse Sozialisation bei den lutherischen christlichen Pfadfindern auf Betreiben meiner Mutter hatte die Voraussetzung für die Option Wehner bei politisch Rot geschaffen, während die vorkonziliare katholische Kindheitsfrömmigkeit die Pubertät nicht überdauert hatte. - Zwischen Konfirmation und Lebensmitte war ich respektvoller Agnostiker, so lange, wie ich inzwischen nach mündigem Christsein strebe. Meiner Frau zufolge haben wir so aber nicht gewettet, sondern sind “links und frei“ angetreten, weshalb es auch einmal heißen konnte “heirat' doch deinen Jesus“. Mein Trauma beruht nun auf dem Mißbrauch des roten C in der Politik à la Wehner, an dem ich betriebsblind mitgewirkt und erst durchgeblickt habe, als es zu spät war. Insofern ist es ein politisch-religiöses Trauma und gehört in diesen Blättern zum Thema. Ein Trauma kann man nur durch Wahrheit bekämpfen, denn wer aus der Wahrheit ist, der höret Jesu Stimme. Ich hoffe nun darauf, daß mich die politische Wahrheit des Internet-Textes “die Maske“ angesichts der stattlichen Kiebitz-Gemeinde meiner Homepage irgendwann freimachen wird. - Dazu müßte ein Insider beim Klartext-Namen der Schlüsselfigur anbeißen und weiterrecherchieren. Mehr als Flaschenpost ist das nicht. Aber ich hab's wenigstens, wie Heine, den Fischen erzählet; und im ganzen virtuellen Ozean weiß man von jener Schande. Die Geschichte, um die es geht, ist nur eine Provinzposse von vor zwanzig Jahren. Über die Provinzposse hinaus von Belang ist einzig der bis heute fortwirkende religiöse Aspekt meines Traumas. Es geht um Wahrheit in einer Charakterfrage, um ein Entweder-Oder. Politischer Mißbrauch von Religiosität ist ein Kapitalverbrechen, das nicht verjährt. Seine Demaskierung noch zu Lebzeiten des hochangesehenen Delinquenten ist das mindeste, Wehner kann sich nicht mehr wehren, doch sein “Enkel“ kann die Causa noch ausfechten, eine Provinzposse, aber eine vergiftete. Das Gift zirkuliert noch immer in der kommunalpolitischen Blutbahn des Millionendorfs, sonst hätte dessen gesundes Volksempfinden heute nicht eine betende Stadtsilhouette mit bigottem roten Heiligenschein ad maiorem Dei gloriam. Der ist getürkt, das muß sich noch rumsprechen. Dann dürfen Hochhäuser ohne Rücksicht auf die meilenweit entfernten Domtürme wieder nach Sachlage wachsen, ohne die gloria Dei anzutasten. Wäre es nicht das alte Gift des politischen Mißbrauchs von Religiosität, so wäre es tragikomisch. Es ist eine vergiftete Provinzposse mehr mit der selben Handschrift wie vor zwanzig Jahren.