Thema: Die Maske

Freitag, 4.8.2006. Im abendlichen Faxfeedback war der jüngste Text als interessant, aber für Internet-Zwecke zu speziell befunden worden. Der Anlaß für meine Racheintrige vor zwanzig Jahren sei viel weniger spekta- kulär als angenommen, wenngleich die Sippenhafthypothese plausibel sei. Die Zensurlektüre erwies den Text heute als gültig, vor allem, weil er meine etwas genierliche Animazauber-Januarodyssee in ein sachliches Licht rückt. Es braucht Nikotin und Coffein, um mich vom säkularen Monisten der Matratzengruft zum religiösen Dualisten des Schreibplatzes zu befördern. Gottvertrauen ist eine Frage des Hirnstoffwechsels. Dessen pathologische infernalische Gestimmtheit im Erwachenselend wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind, also auch nicht dem roten Original-Tartuffe, der mir zwanzig Jahre Sozioknast eingebrockt hat. Ich war und bin der bunte Hund vom öffentlichen Dienst des Millionendorfs, und mein Sohn zu sein, ist bei den Entscheidungsträgern keine Empfehlung.- Ich hatte damals meine Racheintrige mit geradezu krimineller Energie inszeniert, weil ich weißglühend haßte. Der Urheber des zugrundeliegenden Hörensagens hätte als Ehrenmann Laut geben müssen, zumindest intern mir gegenüber. Aber das hochangesehene heimliche Charakterschwein an der Stadtspitze war brandgefährlich und ist es auch heute noch auf dem Altenteil, wie unlängst der Hochhaus-Bürgerentscheid gezeigt hat. Sein Ansehen beruht auf der eisernen Maske von Redlichkeit und Unbestechlichkeit und mein Schuß vor den Bug war die einzige Chance, ihn zu packen, wie er wirklich ist, insofern ist der Anlaß der Intrige durchaus spektakulär, aber eben nur für Insider wie den damaligen Lokalredakteur.- Silberne Löffel hat der Mann mit der eisernen Maske nie gestohlen, wie etwa sein schwarzer Amtsvorgänger, auf dessen Ticket ich in die Stadtverwaltung schlüpfen konnte. Aber er hat nach diesem den Apparat um zehntausend Planstellen aufgebläht, um die Begehrlichkeiten seiner 68er-Wendehälse bedienen zu können, gegen die ich ihm den innerparteilichen Steigbügel gehalten hatte. Nach Erscheinen meiner Darstellung seiner erzheuchlerischen Perfidie gegenüber den Getreuen der ersten Stunde hat er kraft Amtes den Lokalredakteur massiv bedroht und mußte mit dem Hinweis aufs Grundgesetz abgewehrt werden. Wie auch immer, einen ärgeren Feind habe ich nicht als diesen. - Er ist der Meister des gesunden Volksempfindens und als früherer Möchtegernmissionar gewiß, "mit einem
roten Heiligenschein“ in den Himmel zu kommen, wie er einmal bei einer Wahlrede sinngemäß sagte. Da, wer mit Christus Politik macht, ihn zum zweiten Mal kreuzigt, dürfte es mit seiner Himmelfahrt vermutlich zunächst Essig sein, es sei denn, er bestellt vorher sein Haus. Da würde er ein Skelett in seinem Schrank finden, nämlich mich. Der Hintergrund meiner Racheintrige war, daß er in Buchform für seinen innerparteilichen Wiederaufstieg mit der bedingungslosem Ergebenheit für Wehners Godesberger Programm geworben hatte, so daß die Getreuen der ersten Stunde sämtlich verschworene Godesberger waren. - Als nach Wehners Tod sich ein neues Programm abzeichnete, hätten diese für ihn zum Klotz am Bein werden können, daher seine Forderung nach ihrem erbötigen Parteiaustritt mit der Bitte, ihn von außen zu unterstützen, damit er vor der Wahl die Partei zum Gehorsam zwingen könne. Auch hatte ich ihm gegen tausend Teufel den innerparteilichen Steigbügel wegen seines Buches mit Godesbergbegründung gehalten und dabei Wehners guten Namen in Dienst genommen, was ursächlich für sein innerparteiliches Comeback wurde und ihm letztlich wieder zum Chefsessel an der Stadtspitze verhalf. Sechs Jahre später hatten mit dem neuen Programm die alten Godesberger ihre Schuldigkeit getan und waren lästig geworden. - Durch meinen Schuß vor den Bug war dann die eiserne Maske der Redlichkeit und Unbestechlichkeit bis zum Dementi für kurze Zeit verrutscht. Seither bin ich das Skelett in Tartuffes Schrank. Jetzt ist er achtundsiebzig und müßte allmählich zur Besinnung kommen. Aber der Hochhaus-Bürgerentscheid hat gezeigt, daß er wohl in den Sielen sterben wird. Kein Hochhaus höher als die Domtürme - das hat er durchgesetzt, jeder Zoll ein Christ mit roten Heiligenschein. Ein Gebet mittels Stadtsilhouette. Man könnte auch von Cäsarenwahn sprechen. Aber die eiserne Maske sitzt wieder felsenfest und i c h bin der Sozioknastologe, “äußerst bösartig“ und/oder mit “nicht allen Tassen im Schrank“. To whom it may concern: Der Urheber des zugrundeliegenden Hörensagens von vor zwanzig Jahren heißt Dr.Georg Seunig. Hatte er frei erfunden, dann bin ich tatsächlich der Dumme. Aber sonst ist das damalige Dementi des Mannes mit der eisernen Maske eine dreiste Lüge. Und Lügen verjähren nicht, denn es geht um Wahrheit in einer Charakterfrage. Er oder ich, tertium non datur.