Thema: Glück im Unglück

Dienstag, 1.8.2006, In der Morgendepression bin ich ein bösartiges Würschtl unreinen Geistes, am Schreibplatz ein freischaffender Mystiker ohne Kirchenbezug, und nach Textschluß ein anonymer Durchschnitts- ruheständler mit Familienanschluß, der seit der Pensionierung schriftstellerisch tätig ist und im Internet publiziert. In dieser Eigenschaft hatte ich gestern dem Sohn den jüngsten Text für Internetzwecke angeboten, aber der wurde als zu kompliziert abgelehnt. Dennoch erwies die Zensurlektüre den stark mystischen Text als gültig, vor allem, weil er 1.Korinther15,28b maximalistisch dahingehend interpretiert, daß es unser aller eigentliche Bestimmung ist, nach Verlassen der irdischen Pflanzschule des dritten Himmels Gott in Ewigkeit, wie die Engel, selig zu dienen. - Damit konnte ich heute in der Morgendepression natürlich überhaupt nichts anfangen. Zumal meine Frau gestern über den internetfähigen Vorgängertext Spott und Hohn ausgegossen hatte. Daß meine Hoffnung ein Einserabitur bei Freund Hein ist, erschien ihr als hybrid, sie sei da viel demütiger. Meiner immanentistisch minimalistischen Schicksalstheologie nach Auschwitz steht meine transzendentistisch maximalistische Schicksalstheologie nach 1.Ko- rinther15,29b unverwandt gegenüber. Daß mein Erdenlos nur naturbelassene Schicksalsdynamik und nicht Vorsehung sein soll, war mir im Morgen-Abgrund unannehmbar, als allzu billig kam mir meine Jenseitsselbstvertröstung vor, denn diese Auffassung läuft ja auf heidnisch-stoischen amor fati, nicht Vorsehungsglauben, hinaus. Nur daß ich eben nicht, wie meine Frau, Lebenskunst mache, sondern wahngefährdete freischaffende Mystik ohne Kirchenbezug; ein Glasperlenspiel. - Das einzige, was darüber hinausgeht, ist die tägliche Selbstvergewisserung durch schriftliches Tun, daß in mir etwas Unzerstörbares ist. Das dürfte auch bei Kafka der Motor seines Schreibens gewesen sein. Man spürt beim Schreiben seine Seele. Danach kann man süchtig werden. Dieses Unzerstörbare, das meine Frau monistisch in Abrede stellt, hoffe ich in einem Einserabitur bei Freund Hein freizulegen, wie es dann weitergeht, ist das Thema meiner hochspekulativen Theologie des ewigen Schicksals, welches für den religiösen Monismus nur ein abstrakter Grenzbegriff, für den säkularen Monismus gar nur ein reines Hirngespinst ist. Und ich in der Morgendepression bin säkularer Monist! Den Graben zum religiösen Dualismus am Schreibplatz überwinde ich mit Nikotin und Coffein. Daß das funktioniert, ist Glück im Unglück. -In puncto Dualismus bin ich durch mein Handicap heuristisch privilegiert. Meine in der Morgendepression verhüllte Wesensidentität tritt beim Schreiben sinnfällig zutage. Dadurch kann sich der religiöse Dualismus zwischen amor fati und Jenseitsvertröstung ungehindert entfalten, während der religiöse Monismus, etwa der Protestanten, auf die weltgetriebesteuernde Allmacht Gottes setzen und bei ultimativer Schicksalsungunst zur Formel “unerforschlicher Ratschluß" seine Zuflucht nehmen muß. Ich dagegen habe noch eine Seinsdimension für die göttliche Allmachtenfaltung in Reserve und brauche nach dem biologischen Exitus nicht ganztot auf die Auferweckung am Jüngsten Sanktnimmerleinstag zu warten, wie die irrenden Geschwister in Christo. - Für mein freigelegtes Unzerstörbares, die Wesensidentität, geht es gleich anschließend weiter, und daß es beseligend sein möge, ist der einzige Gegenstand meines Todesbangens im Erkennensbewußtsein aus Übernatur, als religiöser Dualist am Schreibplatz. Als säkularer Monist in der Morgendepression kenne ich nur zu gut die Kehrseite der Medaille, die kreatürliche schlotternde Todesangst des Überlebensbewußtseins aus Materie meiner kentaurischen Anthropologie. Deren Unterbau aus evolutionärer Genese ist Zufall, deren Überbau aus transzendenz-unmittelbarer Setzung ist Wesen. Wenn dieses im biologischen Sterben freigelegt wird, fällt der Zufall weg, und es geht in die Seinsdimension Transzendenz über, wo endlich der Monismus herrscht, den die Monisten schon für die Immanenz postulieren. - Da aber Willensfreiheit an den Dualismus von Zufall und Wesen gebunden ist, fällt auch diese jetzt weg. Abgeschiedene Wesensidentitäten sind, übrigens auch beim Denken, nicht willensfreier als die Engel, die personifiziertem Gedanken Gottes. Das wirft das Problem der liebesgerechten göttlichen Gestaltung ihres ewigen Schicksals auf. Dafür muß zu irdischen Lebzeiten der individuelle Gebrauch der endlichen menschlichen Willensfreiheit geprüft werden, die mit naturbelassener Schicksalsdynamik konfrontiert zu sein hat, damit das liebesgerechte Prüfungsergebnis nicht verfälscht wird. Daher also der “unerforschliche Ratschluߔ bei ultimativer Schicksalsungunst. Wenn man das erst dualistisch und dann monistisch sieht, ist dem nicht so schwer zuzustimmen. Leider kann ich mir das nicht bis zum morgigen Erwachen merken. Es wird also in der Morgendepression wieder zur Empörung über billige Jenseitsvertröstung kommen. Aber ich habe Glück im Unglück. Mich macht Nikotin und Coffein zum religiösen Dualisten. Rauchen läßt zwar meine Haut altern, aber ich will ja sowieso mit einem nichtsuizidären Einserabitur bei Freund Hein aus ihr heraus, Ehespott und -Hohn hin oder her. Es gilt eben doch: amor fati mit oder ohne Jenseitsvertröstung. Mein einziger Beitrag besteht darin, diese möglichst tröstlich zu gestalten.