Thema: Nachwelt

Samstag, 29.7.2006. Im abendlichen Faxfeedback war der jüngste Text zustimmend beurteilt worden. Die Zensurlektüre erwies ihn heute als gültig, weil er zeigt, daß mein Ringen um adäquates Seinsverständnis, nicht, wie vermeint unbeachtet bleibt, sondern von einer namhaften anonymen Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Dieses Ringen wird durch die Morgendepression entscheidend erschwert. Sie ist wie Dantes erster Kreis der Hölle, vor dem man alle Hoffnung fahren läßt. Ich bin also in puncto Absage an Gott, wie von Hiobs Weib empfohlen, wohlbewandert. Doch dann läßt mich ein gütiges Geschick regelmäßig dem Morgen-Abgrund ent- steigen, denn die naturbelassene Schicksalsdynamik ist janusköpfig und hängt in der Regel nicht immer nur nach einer Seite. Wegen Gottes transzendenzsystemischer Allmachtenthaltung hienieden habe ich dann nichteinmal die Möglichkeit zu einem Gottseidank. Ich muß von Glück, statt von Segen sprechen, von Glück im Unglück, wenn es auch in der Seele wehtut. - Denn es gehört zu adäquatem Verständnis des Seins selbst, dieses nicht für irdisches Wohl und Wehe erklärend in Anspruch zu nehmen, sondern zu warten, bis nach aller individuellen Tage Abend Gottes Allmacht unter Transzendenzbedingungen voll zum Tragen kommt, so wie das große Etwas aus dem Nichts in Sein gerufen und die zielführenden Naturgesetze er erlassen hat, denen zufolge alles entstanden ist, was man jetzt sehen kann. Allmacht ist nicht das Handelnkönnen nach Belieben, sondern die Fähigkeit, dem Nichtsein in allen seinen Erscheinungsformen Widerstand zu leisten, also auch dem Stachel des Todes und dem Sieg der Hölle. Glück im Unglück also, was die infernalische Gestimmtheit des quantenphysikalisch zufallsgesteuerten Hirnstoffwechsels angeht. Dann kann ich mir am Schreibplatz die steuernde Kraft von Bedeutungen für die Entfaltung meiner zuvor verschütteten Wesensidentität zunutze machen. - Der Dualismus von Zufall und Wesen, beziehungsweise von Gehirn und Geist, ist die Grundlage der endlichen menschlichen Willensfreiheit zwischen reiner Zufälligkeit und reiner Determiniertheit all dessen, was geschieht. Die Einstein-Heisenberg-Kontroverse anläßlich der Entdeckung der quantenphysikalischen Unschärferelation, die Einstein mit den Worten abtat "Gott würfelt nicht“, steht hier Pate. Poppers Compton-Problem der steuernden Kraft von Bedeutungen im Rahmen der Dreiweltenlehre ist der Ausweg aus dem Dilemma. Gott würfelt nicht, aber er läßt würfeln, um unvoreingenommen für die spätere Gestaltung des individuellen ewigen Schicksals prüfen zu können. Daher die transzendenzsystemische Allmachtenthaltung Gottes hienieden, die den Theodizeeatheismus heraus- fordert und die in meiner Morgendepression zur Absage an Gott führt, wie von Hiobs Weib empfohlen. - Am Schreibplatz bewirkt dann die steuernde
Kraft von Bedeutungen aus Poppers Welt drei Schönwetter in der Großhirnrinde über die Wechselwirkung von Geist und Gehirn an der cerebralen Schnittstelle und schon ist die Falsifikation der Hypothese Gott wieder falsifiziert. Mein Seelenheikundiger will mir nun stimmungs- aufhellende Chemie verschreiben. Doch ich brauche meinen ersten Kreis der Hölle naturbelassen aus heuristischen Gründen. Der Vorher-Nachher-Effekt zwischen Matratzengruft und Schreibplatz läßt meine Wesensidentität, mein einzigartiges unzerstörbares Selbst aus Übernatur ex negativo sinnfällig hervortreten; außer dem Urknall und den Naturgesetzen für mich und für jeden die einzige Spur von Gottes ursprünglichem Schaffen in der Immanenz. - Dieses “ex negativo“ will ich mir nicht durch Chemie kaputtmachen lassen, wenn die stark suizidäre Tendenz der Morgen- depression auch Risiken birgt. Mir genügt die stimmungsaufhellende Chemie von Nikotin und Coffein, um schreiben zu können, und mehr brauche ich nicht. Meine Droge Sinn benötigt den blauen Dunst, und solange ich Output liefere, bin ich ethisch-pragmatisch im grünen Bereich. Das Lasterrisiko wird erst nach Textschluß, zum Bier, sündhaft, aber in begründeten Ausnahmefällen gestattet die Kirche Exzesse. So hat etwa der große Karl Rahner auch geraucht. Ich habe mit meinem Leib einen Nichtangriffspakt geschlossen, ich verschone ihn mit Gesundheits- anstrengungen jeder Art und er läßt mich in Ruhe. - Mein Schwiegersohn, der weit vorausdenkt, nimmt an, daß ich als Kettenraucher zum Pflegefall werde und daß die Pflegekosten das ganze Erbe der Kinder aufzehren. So weit denke ich nur in der Morgendepression. Ich setze, wenn ich zwischen Aschenbecher und Kaffeetasse bei Trost bin, auf den Faktor Glück im Unglück und darauf, daß mein letztes Stündlein preisgünstig daherkommt, wie bei meiner Mutter. Das meines Vaters kostete noch eine Fliegerbombe, aber die haben die Alliierten bezahlt. Eine Sterbegeldversicherung sorgt für würdigen Abschied meines kentaurischen Unterbaus aus evolutionärer Genese, während mein Selbst aus Übernatur höheren Orts wohl bereits vor den Schranken des Gerichts erscheint, noch bevor das Largo von Händel in der Aussegnungshalle verklungen ist. - Mit etwas Glück ist mein Tod für die Erben erschwinglich. Die Reifeprüfung im biologischen Sterben steht meinem Ringen um adäquates Seinsverständnis noch bevor. Wenn es anerkennend heißt “so stirbt ein Dualist“, dann habe ich sie bestanden.Vorher erfolgen alle meine Mitteilungen ohne Gewähr wie Lottozahlen, man kann darauf noch keinen Kredit aufnehmen. Mit Ausnahme der bisher einhundertzwölf Internet-Texte sind die bisher mehr als vierzehnhundert Tagebuchaufzeichnungen in der Vitrine ein klassisches Opus posthumum. In dem Maß, wie ich sterbend versage, gehören sie in die Papiertonne. Sollte ich aber bestehen, müßten sie der Nachwelt zugänglich gemacht werden. Diese könnte von meinem Ringen um adäquates Seinsverständnis dann etwas lernen. Denn meine Hoffnung ist ein Einserabitur bei Freund Hein.