Thema: Sisyphos

Dienstag, 13.9.2005. Ich bin an der Schwelle zum Greisenalter und ein Risikopatient meines Hausarztes, da wird man mir die "billige Jenseitsvertröstung" meines theologisierenden Denkens wohl nachsehen. Vielleicht ist meine Eschatologie wirklich nicht mehr als ein Pfeifen im nächtlichen Walde. Jedenfalls kommt es mir jeweils im Morgen-Abgrund so vor. Mein dergestalt täglich angefochtener Glaube steht und fällt mit Frossards Theophanie-Zeugnis. Es besagt, daß Gott ist, daß er wesenhaft milde Güte ist und daß das katholische Lehramt, allerdings nur nahezu, durch die metaphysischen Tatsachen gedeckt ist. Wegen meiner darob häresiebedingten Selbstexkommunizierung mangelt es mir aber an affirmativer Tuchfühlung mit Glaubensgeschwistern, deshalb poltert mein Sisyphosfelsblock nächtens immer wieder zu Tal. Nur mein Ergriffensein von dem, was mich unbedingt angeht, je älter ich werde, läßt mich ihn dann erneut bergan wälzen. Mit dem gestrigen Textschluß ruhte er am Gipfel. Das gestrige Hauptmerkmal war das labile Gleichgewicht Meines Glaubensfelsens auf der Bergesspitze. - Das abendliche Faxfeedback zum jüngsten Text war vom Dissens über den immanentistischen Vorsehungs- und Fügungsglauben geprägt gewesen, den der Sohn entschieden hochhält, während ich ihn, zur Theodizeevermeidung nach Auschwitz, ablehne und das Schwergewicht auf Eschatologie lege, die dem eine Generation Jüngeren noch fernsteht. Meine Schicksalsmeteorologie gegen Psalm 23 erscheint mir denknotwendig, wenn man nicht die Opfer ultimativen Frevels in allen Zeiten und Breiten calvinistisch verhöhnen will. In Übersee hatte die Calvinistin Nancy Bush ein äußerst verstörendes Nahtoderlebnis. Ich schließe daraus, daß die Prädestinationslehre Calvins höheren Orts mißbilligt wird. Ich glaube, daß Gottes diesseitiger Wille sich auf den Pol Selbst konzentriert und den Pol Welt der ontologischen Grundstruktur Selbst und Welt links liegen läßt. Deshalb ist das menschliche Innen der Ort diesseitiger Vorsehung und Fügung, Während das Außen der Schicksalsmetereologie überlassen bleibt. So gesehen hat Psalm 23 auch für mich tiefe Bedeutung, denn ich bin am Pol Selbst angesiedelt. - Soma, Sachen, Zwecke und Besitztümer gelten mir wenig, weil man sie nicht mitnehmen kann, wohl aber ein geordnetes Selbstsein, nachdem wir Kentauren aus Evolution und Übernatur sind. Ich postuliere auf der Basis des Frossardbeglaubigten Mariendogmas von 1950 geistleibseelische Ganzheit auch unter Jenseitsbedingungen, so daß der diesseitige kentaurische Unterbau getrost Dünger der Evolution werden kann und die Schöpfung Mensch in der Transzendenz vollendet wird. Die urknallanfänglich aus Gotteshand in Eigengesetzlichkeit freigegebene sonstige Schöpfung aber unterliegt dem zweiten Hauptsatz der Wärmelehre und ist räumlich und zeitlich abzählbar endlich. Nichtentropische heilige Materie, unendlichen Raum und ewige Zeit gibt es nur an Gottes Hauptsitz, in der Urheimat außerhalb des Kosmos. - Unter Diesseitsbedingungen wohnt Gott allgegenwärtig im Dunkel, aber jenseits der Schwelle zum Umgreifenden im immerwährenden Licht. Er ist das Sein selbst, daher beruht die menschliche Gottesebenbildlichkeit gestaltunabhängig auf dem Selbstsein. Dieses möglichst geordnet über die Schwelle zu bringen, ist der Zweck aller diesseitigen Vorsehung und Fügung. Hienieden ist die Schöpfung Mensch noch nicht vollendet. Das macht die nicht-höllische apokatástasis pánton des verketzerten Kirchenvaters Origenes denknot- wendig. Er hat seinen Paulus am genauesten gelesen und aus 1.Korinther15,28 die Wiederbringung aller, auch der ultmativen Frevler auf höllischen Umwegen, gefolgert. Die Kirche hat ihn dafür in den Ketzerbann getan und später das Dogma von der Ewigkeit der Hölle mit apostolischer Vollmacht verkündet. - Frossard wiederum hat sich für die apokatástasis pánton ausgesprochen. Als empirischer Metaphysiker hat er für mich in dieser Frage das letzte Wort. Daher meine häresiebedingte Selbstexkommunizierung und der Mangel an affirmativer Tuchfühlung mit Glaubensgeschwistern, woraus mein Sisyphosglaube folgt. Des- sen drei Eckdaten würden veröffentlichtenfalls beide Konfessionen vor den Kopf stoßen, wie ich schon am zähen Widerstand meines Sohnes gegen Schicksalsmeteorologie und an seiner Jungmännergeringschätzung für Eschatologie merke. Er sieht bis hin zum Wetter für die Landwirtschaft Gott hienieden an allen Ecken und Enden wollen, besonders in unserer Familie. Die damit im Umkehrschluß verbundene Verhöhnung der Opfer ultimativen Frevels in allen Zeiten und Breiten macht ihm kein Gewissen. Entweder ist der Mensch ein Irrläufer der Evolution, wie Arthur Koestler meinte, oder er ist unterwegs zur Vollendung im Umgreifenden. Ich erblicke diesseitige Vorsehung und Fügung nur in seinem Innen. Daß Schlechtwetter im Sinne einer Prüfungssituation dazu beitragen kann, ist unbestritten, aber gottgewollt ist es nicht. Am Pol Welt der ontologischen Grundstruktur tut sich providentiell gar nichts, wie schon Hitler erfahren mußte. Diese Einsicht macht mich einsam, macht mich zum Sisyphos.