Thema: Auferstehung

Donnerstag, 1.9.2005. Nach Textschluß und dem letzten Fern- ehetelefonat mit der abends aus Griechenland abreisenden Glücksfee lag gestern vor mir bloß ein angekündigter Nachmittagsbesuch von Bruder Efeu wegen Bagatelldarlehensrückzahlung. Ab Mittag schaukelten mich die Ätherwellen über den Besuch meines besonnenen Szene-Griechen und seiner Holden, einen Imbiß beim Türken nahe- bei, den Sachzwang Schreibmaschine und ein Sohnesfax in die Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war ein von Bruder Efeu mitgebrachter Predigttext aus der protestantischen Hauptkirche der Stadt. - Heute vor sechsundsechzig Jahren brach Hitler den zweiten Weltkrieg vom Zaun der auch meinem Vater den Tod brachte. Am Tag meiner Geburt im nächsten Jahr gab er das bereits in vorauseilendem Gehorsam praktizierte Euthanasieprogramm rückwirkend zu Kriegsbeginn frei. Dieser Teil des Krieges nach innen gegen "rassehygienische Minderwertigkeit" forderte dreihunderttausend psychisch kranke Todesopfer, mit mir unter ihnen, wenn ich eine Generation früher gelebt hätte. - Heute ist für mich also ein Tag des memento mori in eigener Sache. Da braucht es eine Gegenstimme, die relativiert. Ich greife zu Bruder Efeus Predigttext, der die sehr ehrliche Bilanz eines lutherschen Pfarrers ist, welche sich mit den konfessionslos elitären Zeitgeistnashörnern abärgern muß, bis hin zu dem Argument, Religiosität sei nur eine genetisch bedingte Serotoninüberfunktion im Gehirn und der diesem den christlichen Auferstehungsglauben entgegenzusetzen weiß, dessen ökumenische Geltung am Tag meines memento mori besonders schwer wiegt. - Ob nun Unsterblichkeit der Seele und deren Bekleidung mit heiliger Materie in der Urheimat außerhalb des Kosmos, oder Ganztod und geistleibseelische Auferweckung am Jüngsten Tag - es läuft auf Auferstehungsglauben in beiden Konfessionen hinaus, denn die Zeit zwischen Ganztod und Jüngstem Tag wird ja nicht empfunden. Es ist, als ob sich ewiges Leben unmittelbar an den letzten Atemzug anschließt. Eberhard Jüngel, der die protestantische Orthodoxie vom Ganztod, gegen die katholische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele vertritt, wurde gefragt, von wem er einmal beerdigt werden wolle. "Von einem Pfarrer, der an die Auferstehung glaubt," war die Antwort, "wenn nicht, dann soll es mein Freund machen." Es gibt anscheinend bereits Zeitgeistpfarrer ohne Auferstehungsglauben, die somit ihren Beruf verfehlt haben. – Die katholische Lehrmeinung ist frossardbeglaubigt und also für mich verbindlich, aber daß sogar die protestantische Orthodoxie im Prinzip das Gleiche lehrt, finde ich tröstlich. Auch die Enseelung des Leibes und der Übergang des Geistselbst in die Urheimat außerhalb des Kosmos ist ja Auferstehung, so daß die beide Konfessionen mit einer Zunge sprechen, wenn sie Gottes universelles österliches Handeln predigen. Dem Katholizismus eröffnet das Mariendogma von 1950 die Möglichkeit der Auffassung, daß es keinen leeren Himmel gibt, sondern, daß heilige Materie unter Transzendenzbedingungen der abgeschiedenen Seele einen verklärten Leib anmessen kann, der für das letzte Ziel der Vorsehung nach 1.Korinther 15,28, universelle Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, vorausgesetzt werden muß. - Die protestantische Auffassung besagt dagegen, daß der Himmel bis zum Jüngsten Tag leersteht, aber dann auch in 1.Korinther 15,28 mündet. Da subjektiv kein Sekundenbruchteil zwischen letztem Atemzug und Gottes endgültigem österlichen Handeln verstreicht, ist das gleichwertiger Auferstehungsglaube. Er erklärt nur nicht die über achthundert gut bezeugten Marienerscheinungen in zwei Jahrtausenden auf fünf Kontinenten und die zu Heiligsprechungen nötigen geprüften Wunder. Bei einem leeren Himmel müßte es sich dabei um notorische Phantasmagorien handeln, um eine weltweite Serotoninüberfunktion im Gehirn während zweitausend Jahren. Da sind die irrenden Geschwister in Christo im Zugzwang, so ehrenvoll ihr Festhalten an der geistleibseelischen Ganzheit auch ist. - Auch eine Auferweckung am Jüngsten Tag muß verklärten Leib schaffen, da das Erdenkleid längst Dünger der Evolution geworden ist. Nur entropiefreie heilige Materie kann die Voraussetzung für ewig Seligkeit gewährleisten, die diesen Namen verdient. Und da ist eben das Dogma von der Leiblichkeit Mariens im Himmel des Glaubens von ausschlaggebender Bedeutung. Der Protestant des äußersten linken Flügels, C.G.Jung, bezeichnete es als die größte Tat der menschlichen Geistesgeschichte. Erzwungen wurde es vom sensus fidelium der rudes, es ist keine Kopfgeburt der Kurie und im übrigen ebenfalls frossardbeglaubigt. Das Thema von Bruder Efeus Predigttext lautet "Gläubige verzweifelt gesucht". Das eschatologische Material des Protestantismus ist eben sehr karg. Nicht jeder ist ein Eberhard Jüngel, dessen Büchlein "Tod" mir das Herz in die Hose sinken ließ und der trotzdem am Auferstehungs- glauben festhält. Wenn der Himmel leer ist, bleibt vom Gottesglauben auch nicht viel übrig. Deshalb wäre dem verzagten Prediger die Frossardlektüre zu empfehlen: "Gott existiert, ich bin ihm begegnet". Nur Mut, Herr Pfarrer, Sie hatten bloß einen schlechten Tag.