Thema: Objektive Erkenntnis

Sonntag, 31.7.2005. Überlebensbewußtsein ist aus Materie, Erkennens- bewußtsein ist aus Übernatur. Daß es objektive Erkenntnis und deren Fortschritt gibt, zeigt also Übernatur an, denn fürs Erkennen hat uns die Evolution nicht ausgestattet. Das war gestern der Nachhall meines Textes zur Hirnforschung. Das Fernehetelefonat lahmte am Nikotinentzug meiner Frau, die seit drei Tagen nicht mehr geraucht hatte, aus Überlebensgründen und “Naturfurcht”, also aus Unterbaubewußtsein. Ich dagegen rauche überbaubewußt um meines Erkenntnisfortschritts willen weiter. Das gestrige Hauptmerkmal war meine unheile abstrakte Todes- und Naturverachtung, einhergehend mit Gottesfurcht und Gottesliebe.- Ja, ich bin unheil, ich weiß. Es könnte also mein kentaurischer Unterbau-Über- bau-Dualismus nichts anderes sein als ein Reflex einer bipolaren Störung. Heute habe ich über zweieinhalb Stunden gebraucht, um den Morgen-Abgrund zu entsteigen. Das somatopsychische Unterbaubewußtsein ist bei mir wohl erkrankt, darum bin ich unheil. Erst wenn ich am Schreibplatz wieder abstrakt todesverachtend zu kettenrauchen begonnen habe, bin ich einigermaßen bei Trost. Inzwischen hat die Zensurlektüre den im Erwachenselend verworfenen Text zur Hirnforschung als in sich stimmig wenn auch als schwer verständlich erwiesen. Ich betrachte das als Indiz für Überbaubewußtsein, dessen abstrakte Todes- und Naturverachtung einhergeht mit Gottesfurcht und Gottesliebe, und das einzig auf Erkennen aus ist.- Ein gesundes somatopsychisch Unterbaubewußtsein, wie das meiner Frau, nimmt die Natur wie sie erscheint und kommt gar nicht auf die Idee, ihr neodarwinistisch hinter die Kulissen zu blicken. Mich dagegen bringt dieser Blick zur Naturverachtung. Ich bin unheil, mit anderen Worten. Wenn aber auch ich einen Anhaltspunkt für Gottesfurcht und Gottesliebe brauche, nehme ich meine Zuflucht zum Erkenntnisfortschritt, der Übernatur anzeigt und das dualistische Überbaubewußtsein begründet. Also nicht die Kräutlein aus der “Apotheke Gottes” und die “Gottesgaben” vom Pflaumenwein machen mich andächtig, sondern der Fortschritt an objektiver Erkenntnis über sie. Ich bin davon überzeugt, daß Gott in der Natur nicht “will”, sondern bloß vorauswissend “zuläßt”, Daß ihre Resultate trotzdem so glanzvoll scheinen, spricht für die elaborierte Konstruktion der eigengesetzlich selbststeuernden Exocet-Rakete Immanenz, die Gottes Hand urknallanfänglich freigegeben hat.- Darwin und Schopenhauer haben sich darauf den stimmigsten Reim gemacht, darum sind sie für mich Kirchenväter, nachdem ich ihnen via Frossard Gottesbezug angefügt habe. Erkenntnisfortschritt ist also mein Anhaltspunkt für Gottesliebe. Und das Gewahrsein der Prüfungssituation unterm ernst liebenden Auge im Dreieck ist der Anhaltspunkt für Gottesfurcht, weil ich glauben muß, daß Gott bloß im geistseelischen Bereich der Schöpfung Mensch überhaupt “will” und ansonsten nur vorauswissend “zuläßt”. Das ist ziemlich nah am “Gottesbegriff nach Auschwitz” des jüdischen Philo- sophen Hans Jonas, dessen bin ich mir bewußt. Das was nur Natur ist am Humanum, hat Auschwitz zu dem gemacht, was es war, das monumentalste Unterbauphänomen der Menschheitsgeschichte. Da war ein Eingreifen Gottes aus systemischen Gründen nicht möglich. Nicht, wie Jonas meint, weil er nicht konnte, griff Gott nicht ein, sondern weil er nicht “wollen” konnte.- Hieneiden kommt nicht aller Tage Abend, das vergessen Theodizee-Atheisten immer wieder, und Jonas ist de facto ein solcher, der mir schlaflose Nächte bereitet hat. Allmacht ist ja nicht das Vermögen, zu handeln nach Belieben, sondern die Fähigkeit, dem Nichtsein in all seinen Erscheinungsformen Widerstand zu leisten, also auch dem Stachel des Todes und dem Sieg der Hölle. Das kommt logischerweise erst unter Transzendenzbedingungen zum Tragen, und Erkenntnisfortschritt zeigt Transzendenz an, während die grüne Natur der Biologie, die schwarzweiße Natur der Astrophysik und die künstlich verlängerte Natur der Technik nur Mehrvondemselben anzeigen und mich kaltlassen. Der Gottesdienst der Wahrheitssuche meines Griffels ist nötig, weil ich unheil bin. Wäre ich heil wie meine Frau, so würde ich vielleicht auch in Griechenland in den Sonnenauf- oder –untergang hineinschwimmen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, Darwin und Auschwitz hin oder her. Nun aber muß ich´s zu reimen suchen und mit etwas Glück ist auch ein bißchen objektive Erkenntnis dabei. Gott will nicht das Über- leben im Mehrvondemselben, sondern das Erkennen, das man mitnehmen kann. Darum bin ich auch rauchend mit mir im reinen. Was meine Hoffnung auf diesbezügliche Langlebigkeit betrifft, setze ich auf Wunder und darauf, daß Ausnahmen die Regel bestätigen.