Thema: Der Durst

Montag, 11.7.2005. Nach Textschluß warf gestern im Ehetelefonat die baldige Griechenlandabwesenheit meiner Frau ihre Schatten voraus und stimmte mich herab. Es macht eben doch einen Unterschied, ob Prousts "geh' fort, damit ich. bei dir sei" sich auf die Distanz von zwei Stadtvierteln oder von drei Ländergrenzen und der Adria bezieht. Ich erhoffe mir von den sieben Wochen eine Introversion des Ewigweiblichen an meiner Seite und eine Intensivierung meiner Vatersohnschaft. Ich hatte dem Filius den Vortagstext am Vorabend zugefaxt und war auf zustimmende Reaktion gestoßen, die sich sogar darauf bezog, daß er heute noch Kind ist und, anders als ich, koschere Startbedingungen hatte, was zunächst von ihm kontrovers gesehen worden war. Meine frühmorgendlich gefühlte Gottferne verschwand gestern durch den polemisierenden Schreibvorgang nicht und wurde vom Ehetelefonat noch erweitert. Das gestrige Hauptmerkmal war die schriftliche Wehrhaftigkeit meiner Kreuzesorientierung nach Auschwitz zur Herkunftsbewältigung. - Auch das Fax meiner Olympier-Polemik war abends zustimmend aufgenommen worden, wenn es auch nicht, wie erhofft, internetfähig sei, weil es zuviel von mir preisgebe. Durch das Placet des Sohnes erwies heute die Zensurlektüre den gewagten Goethe-Text als gültig, obwohl meine Erwachensverlorenheit noch nicht abgeklungen war. Inzwischen bin ich wieder bei Trost und führe meinen Griffel auf Wahrheitssuche ad maiorem Dei gloriam, die einzige Form des Gottesdienstes, die meiner Zukurzgekommenheit möglich ist, ohne daß sie in der Schublade "Religiosität als Geisteskrankheit" landet. Seit Frossard ist Gottesbezug für intellektuelle Redlichkeit zwingend. Es gilt nur, ihn so wenig pathologisch wie möglich zu halten. Sehe ich recht, so ist dem meine immer strebende Mühe gewidmet.- Vor allem meine Abkehr vom Aberglauben der göttlichen Feinsteuerung des selbststeuernden Weltgetriebes, zur Theodizeevermeidung, legt davon Zeugnis ab. Die Selbstoffenbarung Gottes an Frossard, als wesenhaft milde Güte, zwingt meinen Durst nach wahrer Orientierung unter Auschwitz- und Tsunamibedingungen zu dieser Abkehr und zur Kanonisierung Schopenhauers. Da man im Lichte des Neodarwinismus der Welt Gott nicht mehr ansieht, wird daraus ein sehr abstrakter Gottesbezug, der eigentlich nur aus Himmelsglaube und der Zuversicht, daß letztlich Gnade werde, besteht. Davon kann man aber im Hier und Jetzt nicht runterbeißen, wenn man mit einem kyrenischen Päckchen beladen ist wie ich. - Mein Firmpate, dem ich einen Text zu lesen gegeben hatte, ein Jesuitenpater, der vom Exorzieren nicht weit entfernt ist, sagte zu mir "finden Sie heraus, was Gott von Ihnen will"- Das nenne ich einen starken Aber-Glauben, zumal der selbe Mann früher einmal zu mir als noch Lutherischem gesagt hatte "ich gebe dem lieben Gott noch eine letzte Chance". Es wollte nämlich mit seiner klerikalen Karriere nicht so recht klappen, weil er kein großes Kirchenlicht ist. Ich bin davon überzeugt, daß Gott außer dem stummen Werben für sein unerfülltes Ziel nicht will, sondern wollen läßt. Nämlich der selbststeuernden Welt blinden Gesamtwillen nach Schopenhauer, der mir mehr und mehr zum Kirchenvater wird. Man braucht seinem abendländisch-buddhistischen Lebenswerk nur noch den von Frossard erzwungenen Gottesbezug anzufügen und schon hat man eine sehr achsennahe asymptotische Annäherung an die absolute Wahrheitsachse. - Den zwingenden Gottesbezug möglichst wenig pathologisch halten, darum geht es. Wer hienieden von der Religion runterbeißen will, der ist wirklich auf dem falschen Dampfer, da hat meine Frau ganz recht. Aber drüber nachdenken wird man noch dürfen. Die Gleichnisse Jesu vom verlorenen Sohn und vom Pharisäer und Zöllner im Tempel geben mir die Kraft, den religiösen Betrieb wegen seiner Allzumenschlichkeit zu meiden und meinen Firmpaten zu bestreiken. Runterbeißen will nicht nur das "Allahu akhbar" des islamistischen Terrors, sondern auch das "in God we trust" auf den Dollars in Übersee, da dreh' ich die Hand nicht um. Beides ist Religiosität als Geisteskrankheit. - Nur schüttet meine Frau das Kind mit dem Bade aus und verurteilt auch koscheren Gottesbezug. Der aber ist nach Frossard eine Frage der intellektuellen Redlichkeit. Deshalb halte ich mich an das frossardbeglaubigte Lehramt der Una Sancta und dolmetsche zwischen säkular und sakral. Seit den vatikanischen Friedensschluß mit der Urknall- und Evolutionstheorie ist die Kanonisierung Schopenhauers, dessen Werk sich darauf reimt, in Reichweite gerückt. Von Tillich nehme ich den paulinischen Pan-en-theismus nach 1. Korinther 15,28 zu leihen und die Koan-Paradoxie der nicht seinsnotwendigen Genese der Erbsünde im Licht des Neodarwinismus nach Genesis 3, als Basis des Mysteriums Christi. Und schon habe ich im zweiten Bildungsweg eine "Theologie der Grenze zwischen Glaube und Unglaube" beisammen. Zum Runterbeißen gibt's da nichts. Aber was zum Nachdenken. Der Durst nach wahrer Orientierung ist die vornehmste Bestimmung des Humanum. Diesem Durst will ich reinen Wein einschenken. Zum Wohl.