Thema: Der Skandal

Sonntag, 19.6.2005. Weil ich außerbiblische Erkenntnisquellen mit der biblischen Essenz korreliere, komme ich auf einen grünen Zweig, während mein habitueller Freitagsbesucher, der Seniorzeuge Jehovas, protologisch und eschatologisch religiös wahnkrank ist, denn er liest die Bibel eins zu eins. Ich komme immer wieder auf meinen weltanschaulichen Realismus des Erlösungsaspekts im Christsein zurück. Nach allem, was ich über- blicken kann, erscheint er mir als konkurrenzlos, wenn ich auch in ihn hineingeboren bin. Ich unterscheide den irdisch Beheimateten und den Gast auf Erden. Von dannen müssen sie beide, wobei aber der Gast einen Fuß im Türspalt zum Umgreifenden hat, während der Einheimische von der immanentistischen Endlichkeit des Mehrvondemselben überrumpelt wird. Der Erlösungsaspekt des Christseins trägt dem Aufgehen der Tür zur ew'gen Heimat besser Rechnung als jedes andere religiöse Fürwahrhalten, auch das des atheistischen Glaubens. Das gestrige Hauptmerkmal war die Selbstvergewisserung meiner geistlichen Besonnenheit mündigen Christseins. - Der Kerngedanke im gestrigen Text ist, daß die Erhörung der siebten Vaterunserbitte ein transzendentes Refugium voraussetzt, in dem sich alles nach und nach Erlöste sammeln kann, damit sich außerhalb das personifizierte Böse mangels Masse durch Verlöschen selbst erlöst. Das ist meine Antwort auf Leszek Kolakowskis Frage, ob der Teufel erlöst werden könne. Vernichtet werden kann er nicht, er kann nur durch Totalisolation unabwendbarer Selbstzerstörung überantwortet werden. Das Wörtchen "ewig" im Höllendogma des katholischen Weltkatechismus ist damit nicht vereinbar. In diesem Punkt bin ich Ketzer, wenn auch mit Frossards Rückendeckung. Eine ewige Hölle würde die siebte Vaterunserbitte und 1. Korinther 15,28 makulaturisieren. - Also müssen auch die Verlorenen im Um- greifenden nach und nach in die Erlösung einbezogen werden, wie es in Hans Urs von Balthasars Karsamstagstheologie des "descendit ad infernos" noch dogmatisch konform postuliert wird. Auf diesem Hintergrund ist der selige Monsignore Betzwieser zu verstehen, der sagte "eine Hölle gibt's scho. Aber es is niemand drin". Ich bin wahrlich hienieden kein Einheimischer und habe einen Fuß im Türspalt zum Umgreifenden, deshalb ist die Katechismusfrage für mich existentiell, wo der irdisch beheimatete Lebenskünstler nur konstatiert "qui vivra verra". Daß die Tür zur ew'gen Heimat auch die Tür zur ewigen Hölle sein soll, und daß dies offizielles Lehramt der größten geistigen Macht der Welt mit der Haupstadt Rom ist, nagt an mir mehr als ich sagen kann. - Wenn Jesu Herrengebet wirklich Stich halten soll und kein zwangsneurotischer flatus vocis ist, muß der Himmelsglaube von der Höllenangst befreit werden. Man kann nicht um Erlösung von dem Bösen beten und mit apostolischer Vollmacht die Drohbotschaft des Evangeliums über 1.Korinther 15,28 stellen. Da ist die Glaubenskongregation bei der Ausarbeitung des Weltkatechismus, der eine Milliarde Katholiken zum Glaubensgehorsam zwingt, hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben. Ich ziehe daraus den Schluß, mich vom religiösen Betrieb der Eucharistie und Mariologie fernzuhalten und meinen Gottesdienst auf die Wahrheitssuche meines Griffels zu beschränken. Kirchensteuer ja, aber das ist auch schon alles. - Mich macht nur ein Wörtchen zum Ketzer, aber das hat es auf dem Hintergrund der päpstlichen Unfehlbarkeit in Glaubensfragen in sich. Es lautet "ewig". Hölle meinetwegen, die glaubt eine Milliarde Moslems auch, aber bei ihnen ist sie zeitlich. Es ist ein Skandal, daß das in zweieinhalb Jahrtausenden zusammengetragene Menschenwort Gottes der Bibel sich vom nur in der Lebensspanne Mohammeds angeblich verbalinspirierten Koran die Schneid abkaufen lassen soll. Daß der Schöpfer auch der Allerbarmer ist, könnte offizielles Christsein genausogut wissen. Man muß die Bibel eins zu hundert lesen, nicht eins zu eins. Denn der Teufel steckt immer im Detail und was schiefgehen kann, geht schief, auch beim Menschenwort Gottes. Der Lektüremaßstab der Eingabepläne garantiert, daß man das große Ganze nicht aus dem Auge verliert und unterscheiden kann was sinnvoll und was abwegig ist. "Ewige Hölle" ist, wie vorstehend gezeigt, abwegig. Gepredigt wird sie hierzulande nicht mehr, sondern totgeschwiegen, aber auf dem Kleingedruckten gähnt der Rachen mit päpstlicher Unfehlbarkeit in Glaubensfragen noch immer und das ist ein frossardwidriger Skandal, der zum Himmel stinkt. Frossard nimmt in seinem Theophaniezeugnis die Ewigkeit der Hölle von seinem Blankoscheck als empirischer Gotteszeuge fürs katholische Lehramt nämlich explizit aus. Intellektuelle Reinlichkeit wäre hier zum Handeln gezwungen.