Thema: Erkenntnisethik

Donnerstag, 16.6.2005. Nach "Adam-Syndrom" und Textschluß öffnete ich gestern das erste Bier des ausgedehnten Frühschoppens und zählte die Kippen im Aschenbecher. Meine ontogenetische Alltagsmetamorphose vom Hominiden zum beselbsteten homo sapiens hatte ein knappes Dutzend Zigaretten gekostet und ein gültiges Griffelspiel gezeitigt, das meinen Aufstieg vom frühmorgendlichen Erdenkloß zur lebendigen Seele sinnfällig machte. Nun galt es, das Niveau bis zur Nachtruhe zu halten, wofür im Kühlschrank fünf Maß Bier und auf dem Fensterbrett das Radio bereitstanden, vom Sachzwang Schreibmaschine nicht zu reden. - Die Andachtshilfe Rosenkranz überm Bett ist vorm Einschlafen numinos, aber nach dem Aufwachen quälender Spott. Daran lese ich meine allnächtliche Rutschpartie ins Prähumanum ohne Gottesbezug ab. Bruder Pius hatte mich am Vortag einen Ketzer genannt, worauf ich entgegnete, ich könnte gar kein Ketzer sein, denn ich gehörte gar nicht richtig dazu, ich sei Spätkonvertit. Das Ehetelefonat war samten herzwärmend. Vor dem Wochende war es das letzte, denn meine Frau geht für drei Tage zum Zelten. Ich jedoch muß froh sein, wenn ich nicht vor der Zeit ins Prähumanum abrutsche. So war das gestrige Hauptmerkmal das trockene täglich' Brot des lebbaren Status Quo. - Dieses setzt das Gotteswunder der Normalität in unseren goldenen Zeiten und Breiten voraus, weshalb es bei aller Kargheit mit Andacht zu verzehren ist. Ich würde im Radioschall merken, wenn das Wunder aus dem Ruder liefe und ich basispolitisch reagieren müßte. Darum lasse ich mich regelmäßig von den Ätherwellen ab Mittag in die Nachtruhe schaukeln. Derzeit allerdings hakenkreuzelt es ein bißchen am Horizont. Der noch amtierende Spitzen-68er auf nationaler Ebene ohne Gottesbezug fordert eine Liberalisierung der Gesetzgebung bezüglich Stammzellenforschung, da diese Pflicht sei, wenn man damit auf längere Sicht unheilbare Krankheiten in den Griff kriegen könnte. Mit anderen Worten: beginnendes Humanum soll zugunsten fortgeschrittenen Humanums vernichtet werden, ohne die sowieso gegebene Endlichkeit des Lebens in Rechnung zu stellen, und in zynischem Kontrast zur Mortalitätsstatistik der Dritten Welt. - Das Argument lautet, man müsse ohnehin todgeweihte überzählige Embryonen der in-vitro-Fertilisation bei unfruchtbaren Paaren einer wissenschaftlichen Nutzung zuführen. Das hatten wir hierzulande im Prinzip schon mal, deshalb ist das Volk des nationalen Sündenfalls, anders als die unbemakelten Nationen, zu besonderer ethischer Akribie verpflichtet, mag es sich damit auch einen globalen Standortnachteil zuziehen. Meine Reaktion auf diesen ersten Windstoß einer aufkommenden Schlechtwetterfront wird sein, daß ich am 18. September den Spitzen-68er abwählen helfe. Er ist ohne Gottesbezug, deshalb mangelt es ihm an Einsicht in die transzendentistische Würde der Endlichkeit auch fortgeschrittenen Humanums und in die Frevelhaftigkeit kannibalistischer Forschung zugunsten des Aufschubs dieser Endlichkeit. - "Viva la muerte" heißt es in Mexiko. Davon können wir hier lernen, wie absurd es ist, das letzte Quentchen Existenz aus dem Dasein unter Immanenzbedingungen herauspressen zu wollen, und dafür sogar die Tötung ungeborenen Menschenlebens billigend in Kauf zu nehmen. Die Stammzellen-Wahrheitssuche fußt nicht auf Bewußtsein aus Übernatur, sondern auf Bewußtsein auf Materie. An ihr könnte das Gotteswunder der Normalität in unseren goldenen Zeiten und Breiten aus dem Ruder laufen. Es hakenkreuzelt schon wieder ein bißchen, und gar nicht einmal rechtsaußen, sondern in der Mitte, bei den säkularen Gutmenschen. In Italien ist soeben ein diesbezügliches Referendum auf Betreiben des Vatikans am Quorum gescheitert. Das katholische Lehramt sieht nämlich bereits den ganzen Menschen bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle als gegeben an. Eccles vermutet die Beselbstung erst bei der Zygote, so daß ihm zufolge die befruchtete Eizelle nur ein Prähumanum wäre, auf das sich das fünfte Gebot des Gesetzgebers vom Sinai nicht erstreckt. - Für mich gilt via Frossard: im Zweifel für das Lehramt. Ich mag in praxi ein Ketzer sein, wie Bruder Pius meint, aber im Fürwahrhalten des Lehr- amts lasse ich mich, außer in puncto Ewigkeit der Hölle, von niemandem über- treffen. Deshalb ist für mich Stammzellenforschung Kannibalismus unter dem Deckmantel des objektiven Erkenntnisfortschritts der kulturellen Evolution, also des Indikators von Bewußtsein aus Übernatur, nicht aus Materie, also eine Struk- turlüge. Da bekommt die Eden-Metaphorik vom todbringenden Holz des Baums der Erkenntnis einen handgreiflichen Sinn. Wer da nicht auch das lebenbringende Holz des Kreuzesstamms von Golgatha in Rechnung stellt, muß notwendig fehlgehen, denn die absolute Wahrheitsachse verläuft durch die Schöpfung Mensch nur wegen ihres exklusiven Zugangs zum Umgreifenden. Zum Wunder der Normalität gehört Gottesbezug. Wo der fehlt, kann es auch bei Gutmenschen der Mitte hakenkreuzeln. Sogar die Marxisten Horkheimer und Adorno konstatierten, daß ohne Gottesbezug Ethik nicht zu begründen sei. Eine Erkenntnisethik menschlicher Endlichkeit tut not.