Thema: Die Austern

Samstag, 4.6.2005. Noch vor Textschluß war gestern wieder einmal der Seniorzeuge Jehovas zu Besuch, und zwar sogar mit Gemahlin, aber impulslos. Auch das anschließende Ehetelefonat wies nicht über sich hinaus und der Postkasten war leer. Als ich dann fertiggeschrieben hatte, ließ ich mich von den Ätherwellen an der leeren Zeitachse entlangschaukeln. Sie kündeten von der definitiven Verbindlichkeitserklärung der Recht- schreibreform im August für Schulen und Behörden, so daß ich ab da von Haus aus Makulatur produzieren werde. Ich bin nicht “neugierig”, sondern “altgierig” nach Bewahrung, deshalb beharre ich auf dem hergebrachten Buchstabenkanon und nehme das Odium der Legasthenie in Kauf. Ich bin schriftlich eins mit mir. Das zeigte sich bereits bei der ersten Hälfte des Doppelsachzwangs Schreibmaschine, die dem Text "Narrheit", ursprünglich papierkorbverdächtig, sogar einen gewissen Charme ablauschte. Das Tippen des jüngsten Griffelspiels "getauftes Zen" war dann ausgesprochen libidinös besetzt, weil es die conclusio zum Textvorgänger liefert. Das gestrige Hauptmerkmal war die stets angefochtene Gültigkeit meiner Produktion. - Nach durchschlafener Nacht steht diese natürlich erstmal massiv in Frage. Doch zwei Stunden nach dem Erwachem geht es dann immer wieder weiter im Text. Ich stelle fest, daß zuletzt gut buddhistisch vom Anhaften und vom Loslassen die Rede war. Die Dichotomie vom schlauen Streben nach Glück und weisen Streben nach Heil, mit der “me on”-Potentalität des relativen Nichts entlang der leeren Zeitachse als Quelle der Relevanz, ist nichts anderes als Buddhas Rat, nicht anzuhaften, sondern loszulassen. Als katholischem Laien und de facto bloß katholischem Religionsphilosophen des zweiten Bildungsweges ist mir dieser Ausflug in Nachbars Garten verstattet, wo der Ordensmann und geweihte Priester Williges-Jäger an den Comment der regulären Truppen gebunden ist. - Der Ausflug nach Fernost war mir nur möglich via Schopenhauer, der als Heilsweg die Verneinung des Willens zum Leben predigt und die Erlösung im relativen Nichts zu seinem Nirwana-Begriff erkoren hat. Getauftes Zen weiß allerdings, daß das Heil in universeller Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott besteht. Nur der Weg dahin könnte auch gut buddhistisch zielführend sein. Schließlich spricht die staunenswerte ethische Bilanz des Buddhismus Bände und an ihren Früchten sollen wir sie ja erkennen. Auch wird ja die Fülle der "me on"-Potentialität des relativen Nichts, entlang der leeren Zeitachse als Quelle der Relevanz, von der Urknall- und Evolutionstheorie, mit der die Una Sancta ihren Frieden gemacht hat, eindrucksvoll bestätigt.- Als Scout im Dickicht des Säkularismus Abseits der regulären Truppen darf ich das sagen, denn ich diene ja dem selben König wie sie, nur eben in Späherfunktion und nicht pastoral. - "Alles Leben ist Leiden" sagt Buddha, und die Bibel, wie immer mehrdeutig, spricht neben "guter Schöpfung" auch von Adams "gottverfluchtem Ackerboden" und von Erbsünde. Eine echte Konkurrenz zwischen dem puren Menschen Buddha und der zweiten Person der Trinität Jesus Christus, im Erdenkleid hervorgegangen aus Gottes erster Liebe, kann es eigentlich gar nicht geben. Da Buddha fünfhundert Jahre vor der Mitte der Geschichte lebte und lehrte, kann er gar nicht der vollen Heilseinsicht teilhaftig gewesen sein, nachdem die Zeit noch nicht erfüllet war. Der Reformator des Hinduismus gelangt mit seinem Nirwana-Begriff an die ultimative, purem Menschenwitz erreichbare Spitze. - Für den christlichen Heilsbegriff brauchte es dann die Selbstoffenbarung Gottes im Wort, das Fleisch wurde. Da kann es nicht wunder nehmen, daß Buddha bei den nobelpreiskulturellen Eliten das Westens Konjunktur hat, während die Unheilsgeschichte des Christentums die einzige Auster mit Perle den Freidenkern 'igittigitt" macht. Hinzukommt die immanentistisch-messianische Mahnwache der Juden, deren Auserwählung mit der Messiastaufe Jesu am Jordan erloschen ist und die eine weitere krustige Auster ohne Perle im Angebot halten. Der jüngste Monotheismus wiederum macht wegen der Verbalinspiration des Korans Gott zum Götzen, den man beim Wort nehmen kann. Mit der liberalen lessingschen Ringparabel ist es also Essig. So weise ist Nathan gar nicht und der echte Ring läßt sich ganz gut unterscheiden, zumindest seit Frossard, der übrigens nach Hakenkreuzmaßstäben Vierteljude war. - Jetzt habe ich also im Schweinsgalopp alle fünf Weltreligionen durchgenommen, denn Buddhismus ist reformierter Hinduismus, von dem nur die Denkfigur "tat twam asi, das bist du auch" und die Brahman-Atman-Verschmelzung eschatologisch brauchbar sind. Mein Christozentrismus ist durch den Magen der Aufklärung gegangen, ich brauche mich seiner nicht zu schämen. Fünf Austern mit Kruste und davon nur eine mit Perle. Ohne diesen Frossard-Befund würde ich wahrscheinlich beim Buddhismus landen. Höher geht's nimmer für puren Menschenwitz. Doch Klick macht es für mein unstillbares Fernweh nach Höherem erst bei 1.Korinther 15,28, und dieses Einsicht ist ohne Christsein nicht zu haben. Am Ende wird sein Gott alles in allem, sagt Paulus da. Das gehört nicht zu den biblischen Schlacken, das ist offenbartes Feingold. Aber der Weg da hin könnte auch ganz gut Buddhas edler achtfacher Pfad sein, das will ich gar nicht bestreiten. Schließlich versteht man sich in Fernost ja auf Zuchtperlen.