Thema: Das Wollen

Dienstag, 31.5.2005. "Ich mach´s wie der liebe Gott, ich überlasse das Wollen weitgehend dem Nichts". Das war gestern der Nachhall gültigen schriftlichen Tuns mit Vortagsanteil. In der Tat steht da zu lesen, daß Gott über weite Strecken nicht will, sondern wollen läßt. Der jüdische Philosoph Hans Jonas hatte in seinem "Gottesbegriff nach Auschwitz" noch gemeint, nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, habe Gott nicht eingegriffen. Der jüdische immanentistische Messianismus erzwingt diese Beschränkung der göttlichen Allmacht, während der christliche transzendentistische Messianismus weiß, daß es sich hienieden nicht reimt und daß die Schöpfung Mensch erst unter Transzendenzbedingungen zu großer Form aufläuft. - Das gottgewollte urknallanfängliche kreative Nihil der evolutionären Zukunftsdynamik aus Zufall und Notwendigkeit entlang der leeren Zeitachse von dreizehn Milliarden Jahren, in Verbindung mit den, dem stummen Werben Gottes für sein unerfülltes Ziel ausgesetzten, fast sechseinhalb Milliarden Eigenwillen des Humanum genügt, um die Immanenz in Schwung zu halten. Und in der Transzendenz kommt die göttliche Allmacht zum Tragen, die nicht darin besteht, tun zu können, was sie will, sondern darin, dem Nichtsein in a l l seinen Erscheinungsformen Widerstand zu leisten. Das gestrige Hauptmerkmal war ein Wort über die jüdische Stimme hinaus. - Dieses Wort ist eine Denknotwendigkeit aus dem Friedensschluß der Una Sancta mit der Urknall- und Evolutionstheorie unter dem Pontifikat von Johannes Paul dem Zweiten. Fortan muß Christsein annehmen, daß Gott über weite Strecken nicht will, sondern wollen läßt. Schon bisher unterschied die katholische Kirche zwischen dem Willen Gottes und der Zulassung Gottes. Wie Hans Jonas zeigt, ist damit aber dem Theodizeeproblem kein Riegel vorgeschoben, denn die Unterlassung von Putativnotwehr ist schon weltlich justiziabel, um wieviel mehr geistlich. - Also müßte man wie Hans Jonas den Allmachtsbegriff antasten, wenn dieser nicht aus systemischen Gründen als Fähigkeit, zu handeln nach Belieben, ohnehin mißverstanden wäre. Darauf macht Paul Tillich aufmerksam, der ihn definiert als Fähigkeit, dem Nichtsein in all seinen Erscheinungsformen Widerstand zu leisten, also auch dem Stachel des Todes und dem Sieg der Hölle. Das aber setzt Transzendentismus voraus und die Einsicht, daß es sich hienieden nicht reimen kann. Die jüdische Stimme ist dem immanentistischen Messianismus verpflichtet und kann diesen Schritt nicht mitgehen. Aber dem Christsein steht die Möglichkeit transzendentistischer Zuversicht offen. Deshalb kann nur ihm die nobelpreiskulturelle Abkehr vom biblischen Kreationismus nichts anhaben, und daher auch der geistlich unschädliche Friedensschluß des katholischen Lehramts mit der Urknall- und Evolutionstheorie. - Freidenker könnten nun einwenden, diese Frontbegradigung sei das Eingeständnis des faktischen Nichtseins Gottes, denn wozu noch Gott, wenn der Welt blinder Gesamtwille genügt, um den Laden zu managen? Das ist in der Tat ein sehr verführerischer Denkpfad, den Schopenhauer gegangen ist. Und ich würde ihm folgen, wäre da nicht ein kleines Büchlein. Es ist von André Frossard und heißt "Gott existiert, ich bin ihm begegnet". Der Verfasser erweist sich darin als sprach- mächtiger Gotteszeuge auf unbestreitbar empirischer Basis inmitten der tiefsten Abgründe des zwanzigsten Jahrhunderts im Herzen des Abendlandes. Seine Sprachkraft beglaubigt sich selbst und ist über jeden Verdacht der pia fraus erhaben, zumal seine Gottesbegegnung ihn als achtzehnjährigen Atheisten betroffen hatte. Deshalb muß ich dieses Büchlein, das im übrigen auf empirischer Basis dem katholischen Lehramt einen nahezu uneingschränkten Blankoscheck ausstellt, radikal ernstnehmen. Es ist der archimedische Punkt, auf dem man stehen und die Welt des Säkularismus aus den Angeln heben kann. Fortan ist nicht, wer glaubt, zurückgeblieben, sondern wer nicht glaubt. - Ich sehe meine Aufgabe darin, das geistliche Tun der größten geistigen Macht der Welt, mit der Haupstadt Rom, mit den Befunden der säkularen Nobelpreiskultur zu korrelieren, so weit sie sich zu mir, einem Nobelpreisendverbraucher mit leidlicher Allgemeinbildung, herumsprechen. Aber dem Dolmetsch flicht die Mitwelt keine Kränze. Mein Platz ist zwischen den Stühlen. Heute ist mein Thema das Wollen sub specie aeternitatis. Gleich nach dem Schlußpunkt muß ich im Zuge meiner Dienstagserledigungen wohl oder übel wollen. Ansonsten aber mach' ich's, so weit wie möglich, wie der liebe Gott und überlasse das Wollen weitgehend dem Nichts. "Um Gods Wuin", höre ich da Strenggläubige sagen. Doch, doch, wie das Vorstehende zeigt, bin ich damit noch auf der sicheren Seite. Das Nichts will schon genug. Heute wollte es von meinem Griffel diesen Text. So Gott will, geht er nicht gänzlich fehl. Ein bißchen recht haben die Buddhisten ja doch auch.