Thema: Der Schlüssel

Donnerstag, 19.5.2005. Ich unterscheide die Schöpfung Mensch und die sonstige Schöpfung. Die Schöpfung Mensch ist unmittelbar aus Gottes Hand, die sonstige Schöpfung nur urknallanfänglich und dann in ihrer Eigengesetzlichkeit freigegeben. Deshalb läuft die absolute Wahrheitsachse durch die Schöpfung Mensch, und die asymptotische Annäherung an sie ist beim Pol Selbst der ontologischen Grundstruktur Selbst und Welt aussichtsreicher als am Pol Welt. Nachdem das Künden der Kunst meiner Frau die Eigengesetzlichkeit der sonstigen Schöpfung nachzuzeichnen scheint, habe ich am Pol Selbst in puncto Wahrheitsfindung die Nase vorn. Die lehramtlich gebundene Kreuzesorientierung meiner Personenmitte ist heuristisch privilegiert. Mein Kopfzerbrechen über Gott und die Welt hat auch bei völliger Ereignislosigkeit, wie gestern nach Textschluß, immer gut zu tun. – Selbstverständlich hat die kentaurische Menschennatur auch Anteil an der sonstigen Schöpfung, aber die denknot- wendig transzendenzunmittelbare Begabung mit der Einzigartigkeit des Selbst, die evolutionär überastronomisch unwahrscheinlich ist, schon in Mutterleib, zwingt zur Annahme einer eigenständigen Schöpfung Mensch unmittelbar aus Gottes Hand, über das Produkt der Evolution hinaus. Und das ist eine so kost- bare Einsicht, daß sie dem innengeleiteten Menschen die Abkehr von der einsamen Masse der Keimbahn-Zombies nahelegt, deren Gottverlassenheit sie nach Außenreizen süchtig macht, die Basis der Billionenumsätze der Zerstreuungsindustrie aller Sparten, die das "Spaß haben" verheißen. Ich will nicht Spaß haben, ich will dazulernen. Deshalb schreibe ich meinen bescheidenen Bedarf selbst. So war der jüngste Text immerhin eine adäquate Auseinandersetzung mit der Orientierung der Personmitte meiner Frau, die zum gewohnten Zeitpunkt nicht telefonisch erreichbar war, was wiederum die vorstehenden Zeilen auslöste. Das gestrige Hauptmerkmal war meine Selbstgenügsamkeit in Sachen Spaß haben. - Wider Erwarten im bipolaren Morgen- Grauen erwies heute die Zensurlektüre den Text "Wahrheitsfindung” als nicht obsolet, sondern als wertvollen Beitrag. Das ist umso erfreulicher, als ich ihn abends noch meiner Frau zugefaxt hatte und nun wegen seines ehekontroversen Duktus' eine telefonische Abreibung fürchten zu müssen glaubte. Ich will nicht Spaß haben, ich will dazulernen. Und hier lernte ich durch die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben immerhin das Obige dazu. Abseits der einsamen Masse lassen sich in puncto Wahrheitsfindung objektive Fortschritte erziele, während man sonst der Diktatur des Relativismus unterworfen ist. Mein elitärer Vorzugssender des psychoakustischen Tors zur Welt gewährt mir genügend Stichproben vom globalen Getriebe, ich muß nicht reisen, um mir Mehrvondemselben reinzuziehen. - Das gilt übrigens auch in Sachen Gesundheitsvorsorge. Ich kann, nach Schopenhauer, zwar tun, was ich will, aber nicht wollen, was ich will. Deshalb rauche ich weiter, weil ich nicht daran interessiert bin, im Greisenalter auch noch das letzte Quentchen Mehrvondemselben aus dem Dasein unter Immanenzbedingungen herauszupressen. Mein immanentistisches Gottvertrauen ist schwach ausgeprägt, weil ich um die Eigengesetzlichkeit der sonstigen Schöpfung weiß. Aber transzenden- tistisch ist meine Zuversicht umso gefestigter , da ich annehme, daß die Schöpfung Mensch unter Transzendenzbedingungen erst zu großer Form aufläuft. Daher auch mein Nikotinabusus abseits der gesundheitsseligen einsamen Masse. Das Künden der Kunst meiner Frau scheint die Prinzipien der Eigengesetzlichkeit der sonstigen Schöpfung nachzuzeichnen. In puncto Wahrheitsfindung ist dies das Suchen des verlorenen Hausschlüssels im Schein der nächtlichen Straßenlaterne, nicht im Dunkeln, wo es geklirrt hat. - Ich suche im Dunkeln, weil es bei der Beselbstung im Mutterleib am Pol Selbst geklirrt hat. Das sagt jedenfalls der Hirnforscher und Nobelpreisträger John C. Eccles, der mit Karl Popper das herrschende Paradigma von Bewußtsein aus Materie falsifiziert und den Gehirn-Geist-Dualismus begründet hat. Dieser rennt bei der Una Sancta offene Türen ein, wird aber von der säkularen Nobelpreiskultur sekretiert und totgeschwiegen, weil er allzuviele monistische Weisheitslehrer der Menschheit zu Deppen macht, die bei einem Paradigmenwechsel über die pekuniäre Klinge bewilligter Forschungsgelder springen müßten. In England soll nun immerhin ein großangelegtes experimentum crucis in den Intensivstationen von fünfundzwanzig Kliniken Aufschluß darüber bringen, ob außerkörperliches Bewußtsein im reversiblen Nahtodstadium positivistisch-wissenschaftlich beweisbar ist. - Die Türspalt-Metaphysik nach Kübler-Ross hat inzwischen so weit Schule gemacht, daß die Notwendigkeit des Großversuchs auf der Hand lag. Es scheint sich allerdings bei der Außerkörperlichkeit des Bewußtseins um Paranormalität zu handeln, die sich der statistischen Wiederholbarkeit der sonstigen Schöpfung entzieht. So könnte der Dualismus weiterhin Glaubenssache bleiben. Es ist ja viel ersprießlicher, als Dünger der Evolution zu landen, denn in die Möglichkeit ewiger Hölle hineinzusterben, wie der katholische Weltkatechismus in Aussicht stellt. Zwar ist das Wörtchen “ewig” im Höllendogma die einzige nicht frossard-beglaubigte lehramtliche Ausnahme, und ein bißchen Augenzwinkern gehört nach Auschwitz dazu, aber glaubend sterben muß jeder auf eigene Rechnung. Ich hoffe, daß es mir besser gelingt, als zu leben. Vielleicht habe ich bis dahin den verlorenen Schlüssel.