Thema: Rückblick und Ausblick

Sonntag, 29.7.2001. Als heutiger Baurat a.D. war ich im Berufsleben ein stets nach Kräften geisteswissentschaftlich orientierter Architekt, nie ein Praktiker, außer beim eigenen Haus, aber auch das nur beim Um- und Ausbau, kein Denkmal demiurgischen Gestaltungswillens. Heute treibe ich seinsstrukturelle Studien zur Zukunft- bei Lebzeiten und übers Grab hinaus. Das Sein hat eine begrifflich aufweisbare Struktur. Die ontologische Grund- struktur ist Selbst und Welt. Die paarweise geordneten ontologischen Strukturelemente sind Dynamik und Form, Freiheit und Schicksal, Indivi- dualisation und Partizipation. Dieses von dem großen evangelischen Theo- logen Paul Tillich stammende Rüstzeug lege ich an die mir widerfahrende Zeit an, um sie auf Zukunft bei Lebzeiten und über das Grab hinaus ab- zuhorchen. Das schlägt sich seit drei Jahren nieder in meinem “Tagebuch einer Zimmerlinde”, dem ich täglich bis zu eine DIN-A4-Seite hinzufüge. Der gelernte Planer in mir weiß, daß Zukunft stets auf einen zu kommt, und daß man nicht auf sie zugeht, sonst hieße es ja “Zugang”. Vor allem hat eschatologische Prognosen meistens der Teufel gesehen. Daß die Una Sancta nach den Höllenpredigten der vorkonziliaren Vergangenheit jetzt das eschatologische Büro geschlossen hat, ist Weisheit. Besser ein Dog- ma totschweigen, als es mißbrauchen. Was mich dennoch von einem stoisch aufs Grab zulebenden Atheisten unterscheidet, ist die Kenntnis und die tiefe Wertschätzung des Theophanie-Buches von André Frossard, das es für alle Zeit unmöglich macht, intellektuell redlich den lieben, jawohl, den lieben Gott in Abrede zu stellen. Da viele Christen strukturell Atheisten und viele Atheisten fromme Leute sind, ist meine Arbeit ein ständiges Oszillieren zwischen beiden Blöcken und ich nenne sie in Anlehnung an die Symbol- farben des politischen Liberalismus des Landes die blaugelbe Aufklärung. Das Grün der Zimmerlinde ist die Mischfarbe aus diesem Blau und Gelb, und ihr Tagebuch erhebt den Anspruch, hinter der autobiographischen Komponente Seinsstruktur abzubilden, zu Nutz und Frommen all jener, denen das christliche Grundgesetz “ab ligno mors ab ligno vita” Köhler- glaube bleibt. Zukunft bei Lebzeiten wird aus lapsarischen Gründen nie unvergällt sein können, was den Spesenrittern des Theodizee-Atheismus gesagt sei. Aber das österliche Handeln Gottes wird in letzter Linie, Paulus zufolge, auch niemanden ausschließen, das sei dem Heilsindividualismus ins Stammbuch geschrieben. Um diese beiden Weistümer kreist mein Denken im Tagebuch einer Zimmerlinde. Was darüber hinaus wie Nabelschau anmutet, ist nur unvermeidliches Gefäß für seinsstrukturelle Substanz.