Thema: Huntsville, Texas

Donnerstag, 14.12.2000. Meine Robinsonschaft beschränkt sich zwar auf isolierte geistliche Gesittungshöhe, aber das genügt, um sich radikal zu ver- einsamen. Die Metaphorik impliziert, daß es ein Heimatland gibt, von dem her ich schiffbrüchig wurde, und in dem ich einer unter Zahllosen wäre. Die Vermutung liegt nahe, daß dies die Kirche ist, doch es gibt auch bibelfeste Anthropophagen, und deshalb kann’s das nicht sein. Robinsons Herkunft sind in diesem Fall nur eine Handvoll Bücher und die Namen derer, die sie geschrieben haben. Damit ist gesagt, daß ich nicht aus Eigenem geistlich rage, sondern in gesegnetem Boden wurzle und hinter dessen Potentalitäten weit zurückbleibe. Paul Tillich ist einer jener Namen. Sein Träger ist bei Anbruch des Nazizeitraums nach Übersee emigriert und hat dort mit der Zeit den Ruf der theologischen Autorität schlechthin erworben. Zurück- gelassen hat allerdings auch er nur bibelfeste Anthropophagen, die ver- fassungsgemäß zu Tode schocken, hängen, spritzen und vergasen und dies in den Worten der Heiligen Schrift verankert glauben. Wir sind alle Sünder, und welches die graduellen Unterschiede sind, weiß Gott allein. In diesem Kontinuum einen Strich zu ziehen und die Todesstrafe zu verhängen, ist Frevel. Hier gilt Jesu Wort “wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein”. Bekanntlich blieb die Verurteilte ungesteinigt. Die Bibelbuchstaben sind ja nicht dogmatisches Barrengold, sondern nur goldhaltiges Gestein. Die Lebensbürgschaft Jesu für einen liebenden Gott erschließt sich nur der elaborierten theologischen Raffination des redaktionellen Ausgangsma- terials. Dann allerdings haben wir Wort des lebendigen Gottes. Und es besagt in diesem Fall Gnade vor kontigentem Menschenrecht. Im Namen der auf Gott vertrauenden Gesellschaft zu töten, ist Frevel, weil es aus Kontingenz ein Absolutum macht und nicht zu Ende kompostierte Schuld kalten Blutes vor den Thron Gottes katapultiert. Auch der verfassungsge- mäße Frevel wird nicht ohne eschatologische Folgen bleiben, aber am Ende wird sein: Gott alles in allem und für alle.