Thema: Der Schleier

Montag, 5.2.2007. Der Schöpfer hat mich noch nicht zu Ende erschaffen. Mein ewiges Schicksal harrt noch der Ausgestaltung in Liebesgerechtigkeit, die der Erlöser durch das Bringen des eschatologischen Faktors Gnade möglich gemacht hat. Der trinitarische Beistand des Erdendaseins ermöglicht durch Mitwirkung am Bewußtsein des Humanum aus Übernatur diese Einsicht in die galiläische Wahrheit des Abendlandes, die etwa indischer Weisheit bei weitem vorzuziehen ist. Aber etwas lernen kann von dieser geistliche Besonnenheit trotzdem. Nämlich möglichst wenig “anzuhaften”, alles loszulassen, was nicht zum Entkommen aus dem Albtraum des Erdendaseins beiträgt. Auch das Durchschauen des principium individuationis, das Mitleiden an den Qualen anderer, wenn es nicht untätig bleibt, ist neben dem Loslassen eine wichtige Lektion der Buddhaschaft, die ansonsten, da bereits fünf Jahrhunderte vor der Mitte der Menschheitsgeschichte begründet, heuristisch hinter ihren Möglichkeiten zürückbleibt. Das Karmagesetz kennt keine Liebesgerechtigkeit, die Wiedergeburtslehre fußt auf der Annahme eines auswegslosen ewigen und unendlichen Kosmos und das Eschaton Nirwana verfehlt aus dem selben Grund den Ausweg Transzendenz, das Urbild des Abbilds Immanenz. Der religiöse Atheismus hat allerdings eine staunenswerte ethische Bilanz vorzuweisen, während die galiläische Wahrheit des Abendlandes enorme ethische Spesen verursacht hat. Das dürfte der Grund sein, warum nicht wenige Eliten des Westens sich einem verballhorntem Buddhismus mit optimistischer Wiedergeburtslehre verschrieben haben. “O sancta simplicitas” würde Schopenhauer vermutlich sagen, denn die Quintessenz der Lehre Buddhas, die der Philosoph mit dem bösen Blick auf den abendländischen Begriff gebracht hat, ist der Albtraumcharakter des Erdendaseins, so daß Wiedergeborenwerden in Mehrvondemselben nicht zu erhoffen, sondern zu fürchten zu ist. Die Begründerin der Nahtodbewegung, Elisabeth Kübler-Ross, ist gegen Ende ihrer Entwicklung diesen Irrweg gegangen und hat damit ihr gesamtes Lebenswerk in ein esoterisches Zwielicht getaucht. Mir dagegen liegt der Albtraumcharakter zumindest meines Erdendaseins achtern und voraus auf der Hand. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß ich wie Schopenhauer extrauterin defizitär bin und in der herrenrassischen Wiege nicht lieben gelernt habe. Mit Blick auf den Schleier der Maya ist das ein heuristisches Privileg, das zum Durchschauen des principium individuationis befähigt. Allerdings um den Preis, daß man wegen der Qualen anderer in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf Erden keine frohe Stunde hat. Doch ich tröste mich damit, daß der Schöpfer nicht gepfuscht, sondern mich einfach noch nicht zu Ende erschaffen hat. Und so in allen anderen Fällen. Das einzige allerdings, was drauf schließen läßt, ist das Frossard-Axiom. Es ist der Anker im Maelstrom schopenhauerschen Denkens, der mein Lebensschifflein vor dem alles verschlingenden Schlund der Verzweiflung bewahrt, aber doch so, daß ich in der Selbsthaßphase schaudernd hineinblicken kann. Der Schleier der Maya jedenfalls stört diesen Anblick nicht. Schopenhauer hat ihn ein für alle Mal hinweggerafft, deshalb ist die Kombination Schopenhauer-Frossard das heuristische Optimum. Es sagt Ja zur niederschmetternden Bestandsaufnahme, ermöglicht aber auch die beseligende Zieldiskussion. Im Studium habe ich gelernt, daß Stadtplanung, die sich in der Bestandsaufnahme erschöpft, eine schlechte Note kriegt. Schopenhauers Zieldiskussion geht fehl, weil sie wie die Buddhas auf der Annahme eines auswegslosen, ewigen und unendlichen Kosmos beruht. Inzwischen sagt aber die moderne Astrophysik, daß das Universum zeitlich und räumlich abzählbar endlich ist. Und Frossard sagt auf der Basis einer objektiven Gotteserfahrung “es gibt eine andere Welt”. Dahin, dahin will ich zu dir, du mein Erlöser, zieh´n. Die Nahtodbewegung macht im christlich deutenden Hampe-Büchlein Mut, einst furchtlos diesen Weg anzutreten, denn “Sterben ist doch ganz anders”. Schopenhauers Bestandsaufnahme jedenfalls zeigt, daß wir noch nicht zu Ende geschaffen sein können, wenn denn die Hypothese Gott durch die metaphysischen Tatsachen gedeckt ist. Und darum sagt Frossard “Gott existiert, ich bin ihm begegnet”. Mehr habe ich nicht und mehr braucht es auch nicht, um Mut zu schöpfen. Dazu trägt sogar eine Bestandsaufnahme ohne den Schleier der Maya bei.